Podcast Favs 2015

Wenn ich die Küche aufräume, Autofahre oder Zähneputze, läuft ein Podcast. Nichts ist besser, um öde oder notwendige Tätigkeiten und Leerlaufphasen aufzuwerten. Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich schon mal meine aktuellen Favoriten empfohlen. Inzwischen sind natürlich noch andere dazugekommen, die ich ebenso warm empfehlen möchte. Here we go!

SWR2 / Wissen

Der beste und vielfältigste Wissenspodcast, wie ich finde. Die Themenbereiche sind so bunt gemischt, dass man eigentlich immer etwas Spannendes findet. Für mich weniger interessante Folgen ignoriere ich einfach. Da die meisten Themen so gut und rund aufbereitet sind, kann man auch super in alten Folgen nach Interessantem stöbern. Der Podcast heißt schlicht Wissen und davon bekommt man reichlich. In gut30 Minuten gibt’s Input aus wirklich allen Bereichen: Was Fußballtrainer heute drauf haben müssen, wie Tiere Persönlichkeit entwickeln, warum Japans Generation Y so durchhängt oder wie die Kulturgeschichte der Enthauptung aussieht. 30 Minuten genügen, um ein Monothema tief genug aufbereiten zu können, aber auch nicht zu langweilen. Und sie sind perfekt für meine Fahrt Richtung Lerchenberg, die ziemlich genau 35 Minuten dauert.

Und hier twittert SWR2 Wissen.

NPR / Fresh Air

Eine Empfehlung für Menschen, die über den Tellerrand hinaus schauen wollen und des englischen mächtig sind. Fresh Air ist ein wöchentägliches KulturMagazin, dass sich mit Musik, Filmen, Gesellschaft und Geschichte beschäftigt. Man hört hier ausführliche und hervorragend geführte Interviews mit Schauspielern wie zuletzt Ron Perlman, zum Ende von Sons of Anarchy. Oder dem Regisseur des neue Pixar-Films „The Good Dinosaur“. Mit John Cleese  oder Lena Dunham. Aber auch Rezensionen zu völlig unbekannten Indie-Filmen oder längst vergessenen Musikern. NPR ist ein privates, nicht-kommerzielles und öffentlich gefördertes Radioprogramm und beschreibt sich selbst wie folgt:

Great storytelling and rigorous reporting. These are the passions that fuel us. Our business is telling stories, small and large, that start conversations, increase understanding, enrich lives and enliven minds.

Ich würde solche Werbe-Claims normalerweise nicht zitieren, aber NPR liefert, was sie versprechen. Auch einen Blick wert ist das Popkulturformat Pop Culture Happy Hour: a lively chat about books, movies, music, television, comics and pretty much anything else that strikes a nerve, all in a weekly roundtable from NPR. Ich empfehle aber vor allem den Fresh Air-Podcast: Moderatorin Terry Gross‘ Gespräche sind extrem gut. Sie schafft es, Menschen unglaublich viel Informationen zu entlocken, ohne ihnen (und damit auch Hörern) mit dämlichen Fragen auf die Nerven zu gehen. Sie ist hartnäckig, aber immer höflich und aufmerksam. Die Musik- & Filmkritiken, die sich den längeren Interviews anschließen, werden meist von externen Kritikern, jeweils Experte/in auf ihren Gebieten, gemacht.

Hier twittert Fresh Air.

Bayern 2 / Zündfunk – Generator

Zündfunk ist das „Szenemagazin“ des Bayrischen Rundfunks. Falls ihr euch ob dieser Bezeichnung schon mit Grausen abwenden wollt: Haltet ein. Das ist wirklich gutes Programm und ähnelt ein bisschen NPRs Fresh Air.  Auch hier mal der Claim des Generators, weil aussagekräftig:

Eine Stunde – viele Gesichtspunkte. Jeden Sonntag um 22.05 Uhr. Trips und Gespräche zu Kultur und Kulturen. Mit Autoren, Künstlern, Hackern und Philosophen. Über Literatur und Gesellschaft, das Universum und den ganzen Rest.

Die Sendung ist ebenfalls monothematisch und etwas über 50 Minuten lang. Also noch mehr Zeit für das jeweilige Thema. Da geht es um das radikale Kino Joshua Oppenheimers (The Act of Killing), Frauen in der IT-Szene, die kritische Betrachtung des Selbstverständnisses der Polizei oder wie Künstler kulturellen Freiraum bewahren können. Ähnlich wie bei SWR 2 Wissen kann man im Feed wunderbar stöbern, auch ältere Folgen sind aufgrund des umfassenden Zugangs immer gewinnbringend. Wenn ihr unter Zündfunk in den Podcasts bei iTunes sucht, findet ihr verschiedenen Formate: Album der Woche, Interview, Langstrecke & den beschriebenen Generator. Das man daher nicht ganz kapiert, ob der Zündfunk jetzt eine Sendung oder eine Welle ist, ist in diesem Zusammenhang eher Medienkritik. Wurscht, wo’s nun hingehört. Der Generator ist toll.

Und zündelt twittert hier.

This American Life / Serial

Kaum ein Podcast-Format hat so viel Furore gemacht, wie Serial. Die erste Staffel des Formats, vom nicht-kommerziellen Radiosender WBEZ Chicago, wurde etwas, was man gemeinhin Überraschungserfolg nennt. Dahinter steckt das Team von This American Life, einer nicht-kommerziellen, journalistischen Kultur- und Informationssendung. Der Name Serial beschreibt nicht den Inhalt, sondern die Form. Inhaltlich rollte der Podcast in 30 Minuten pro Folge einen alten Kriminalfall neu auf. Klingt erst mal nicht so originell, ist aber grandios. Das Thema wird hochprofessionell und sauber journalistisch aufbereitet, aber eben seriell erzählt. Und emotionaler, als man es vielleicht sonst kennt. Dadurch bekommt es fast etwas Hörbuch-haftes, ohne jemals sensationslüstern zu sein. Es bleibt seinem Thema und seinen Protagonisten gegenüber immer fair. Hat der 17-jährige Adnaan wirklich seine Ex-Freundin kaltblütig erwürgt? Woche für Woche rüttelte Journalistin und Moderatorin Sarah Koenig an allen Ecken und Enden des Falls: Stöberte alte und neue Zeugen auf, hinterfragte die Ermittlungen und die Ermittler, versuchte herauszufinden, wie verlässlich ausgewertete Handy-Funkzellen sind, usw.

Im neuen Fall geht es um den Soldaten Bowe Bergdahl, der sich 2009 unerlaubt von seinem Stützpunkt entfernte, von den Taliban gefangen genommen und 5 Jahre lang festgehalten wurde. Er soll demnächst vor Gericht gestellt werden, wegen „Fahnenflucht und Feigheit vor dem Feind“. Ein in den USA heiß diskutierter Fall. Bergdahl sagt, er habe damit auf Missstände aufmerksam machen wollen und geglaubt, ohne eine größere Aktion bekäme er niemals Gehör. Und dann lief das ganze einfach aus dem Ruder. Stimmt, was er sagt, dann muss man das Vorgehen des jungen Mannes (Bergdahl war 2009 gerade mal 23) mindestens als extrem naiv bewerten. Ein anderes Motiv lässt sich aber kaum finden. Tatsächlich hat er eine riesige Suchaktion ausgelöst, wodurch Spannungen in der Region  erzeugt wurden und Menschen in Gefahr gerieten. Ob er dafür lebenslänglich verdient (was ihm laut Anklage droht)? Ich würde spontan sagen. nein. Aber das macht Serial so gut: Es beleuchtet alle Ecken und scheut auch vor unangenehmen Wahrheiten und Fragen nicht zurück. Am Ende der ersten Staffel weiß man unendlich viel über den Fall und hat ganz sicher auch eine Haltung. Aber die ganze Wahrheit ist ja selten lückenlos aufzudröseln: Immer bleiben Zweifel und Unsicherheiten und gegensätzliche Aussagen.

In der ersten Staffel geschah das Verbrechen 1999 und Adnaan sitzt seit 2000 im Gefängnis – lebenslänglich plus 30 Jahre. Und kämpft weiter um einen neuen Prozess. In der gerade gestarteten 2. Staffel sind wird fast live dabei, denn gerade erst wurde die Anklage beschlossen.

Ein ganz hervorragendes Format – unbedingte Empfehlung. Getwittert wird hier.

FM4 / Extraleben

Zur Abwechslung mal was Verspieltes. Extraleben ist das Gaming-Format von FM4, das wiederum das vierte und jüngste Radioprogramm des Österreichischen Rundfunks ist. Extraleben beschäftigt sich mit digitaler Spielkultur und bereitet das als eine Art „Computerspielkränzchen“ auf. Dahinter stecken Conny Lee, Rainer Sigl und Robert Glashüttner. Herrn Sigl kennt man auch durch sein hervorragendes Blog Videogametourism und als Autor für die WASD. In rund 25 Minuten geht es um Mono-Themen wie Virtual Reality, Sex in Games oder die österreichische Indie-Szene. Kurz, knackig und unterhaltsam.

Rocketbeans / Bohndesliga

Noch mehr Abwechslung in der Fav-Liste: Ein Fußball-Format darf hier nicht fehlen! Die Rocketbeans haben nun auch eins und das geht sinnigerweise 90 Minuten lang:

Etienne und Nils und Taktikexperte Tobias Escher streiten über Auf- und Abstiege, Freistöße und Fouls, Spielzüge und Schiedsrichter. Für eingefleischte Fans, Hobby-Trainer, Gelegenheitsgucker.

Tobias Escher ist einer der Taktik-Füchse von Spielverlagerung und mit ihm im Boot wird haben die Fußball-Bohnen ein wirklich ernstzunehmendes Talk-Format zum Thema Bundesliga am Start. Wer’s lieber angucken statt anhören mag: Hier. Das schöne ist: Funktioniert auf beiden Ebenen.

Was mir noch fehlt: Tipps für gute (auch gerne englischssprachige) besondere Spiele-Podcasts. Besonders meint, irgendwie was mit etwas breiteren Fokus, einem etwas hintergründigerem Zugang oder welche, die sich Spielen aus einem besonderen Blickwinkel nähern. Also, falls ihr noch Tipps habt, die nicht in diesem Post oder hier erwähnt sind, bitte gerne in den Kommentaren vorstellen. Ich danke.

 

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Anhören, bitte! Mehr Podcast-Favs
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2 Gedanken zu „Anhören, bitte! Mehr Podcast-Favs

    • Dezember 21, 2015 um 4:53 pm
      Permalink

      Nee, kannte ich noch nicht. Die Themen klingen teilweise ganz interessant. Wobei ich bei sowas wie „The Culture Of Victimhood“ vermutlich eine Tüte zum reinatmen brauche. Alleine der Teaser-Text dazu reicht…

Und jetzt ihr!