By: Amy

17. November, Dienstag Vormittag: Es häufen sich irritierende Nachfragen bei mir, in denen der PS4-Chat und die Attentate von Paris zusammen vorkommen. Ich so: Hä? Internet so: This!

Was war passiert? Unter dem oben verlinkten Forbes-Artikel findet sich ein (inzwischen korrigierter) Post, man habe in einem der Raids unter Islamisten in Belgien eine PS4 gefunden.

Außerdem wird der belgische Innenminister Jan Jambon zitiert, der sich auf einer Konferenz (organisiert vom News-Portal Politico) auf eine Nachfrage wie folgt geäußert hatte:

I heard, most difficult communication between these terrorists is the PS4.

Jan Jambon, Vizepremierminister und Innenminister Belgien

Man kann sich das Video im Übrigen hier ansehen – der fragliche Satz fällt kurz nach der Frage aus dem Publikum bei Minuten 43. Der belgische Minister  wird in einem Podiums-Interview (von einer Politico-Mitarbeiterin) gefragt, wie genau man denn auf Propaganda auf dem Netz genau reagieren wolle. Zuvor war es darum gegangen, wie man die Leute erreichen könne, die sich von Hass-Predigern und IS-nahen Videobotschaften beeinflussen lassen. Jambon erklärt daraufhin, man wolle zunächst mal enger mit verschiedenen Netzwerk-Betreibern zusammenarbeiten, damit man solche Inhalte loswerden könne. Welche Betreiber er meine, fragt die Frau im Publikum. Der belgische Innenminister Jambon nennt daraufhin WhatsApp, Google und Facebook. Und ergänzt oben genannten Satz in Sachen PS4.

Der Moderator fragt ihn daraufhin ungläubig auflachend: Wirklich?! Ja, so Jambom weiter, das sei schwierig zu decodieren. Bei WhatsApp sei das Decodieren gelungen, der PS4-Chat dagegen stelle die belgischen und internationalen Geheimdienste dagegen vor große Schwierigkeiten. Das war aber am 10. November, also VOR den Attacken von Paris am 13. November. Deswegen kann das trotzdem eine völlig korrekte Info sein, allerdings steht sie eben nicht im direkten Zusammenhang mit der Untersuchung der Attentatsplanung. Und das bei Razzien in Belgien eine PS4 gefunden worden sei, hat Forbes, wie eingangs erwähnt, bereits selbst als Falschinformation korrigiert.

Soweit, so allenthalben semi-gut gelungen. Nachrichten-Redaktionen waren in den letzten Tagen ohnehin in Dauer-Alarmzustand und kommen vermutlich mit der Recherche kaum nach. Tatsächlich war mein Eindruck, dass parallel schon der Dreh mit irgendeiner PS4 organisiert wurde, während man noch versuchte, herauszufinden, was hinter dieser Nachricht steckt. Gegen eine solche Doppelstrategie ist erst mal nichts einzuwenden und die Kollegen (auch anderer Medien), mit denen ich sprach, haben nach der Recherche alle Abstand von einem Bericht genommen. Sie sind allerdings alle weiter an dem Thema dran und das ist auch völlig in Ordnung. Denn der eigentliche Punkt ist, dass sich leider ALLE extrem schnell aufscheuchen lassen. Mich kann ich da auch nicht immer ausnehmen. Potenziert wird das Ganze durch das Netz, das nun mal die Eigenschaft hat, extrem schnell zu streuen.

Ob Brieftauben, Chat oder Fax: Mitlesen wollen Geheimdienste überall

Einige Kommentatoren unter dem Kotaku-Artikel, der die genannten Punkte nach-checkte, pöbelten sofort, man hätte ja schon wieder Spieler pauschal verunglimpft. Dabei hatte das niemand explizit getan. Tatsächlich war es auch bei Forbes erst mal nur um die Tatsache gegangen, dass man mit dem PSN-Netzwerk ein bislang außerhalb des Radars liegendes Kommunikationsmittel auf dem Schirm bekam. Darauf weist auch der Kotaku-Autor hin. Ganz banal: Praktisch jedes Kommunikationsmittel kann man zum netten Plausch UND zur Konspiration nutzen. Es ist das alte Katz-und-Maus-Spiel. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Und Geheimdienste werden immer darauf aus sein, bei Bedarf JEDES dieser Mittel auch abhören zu können. Was mich ja mal eher interessieren würde: WhatsApp galt lange als pfui-bäh. Da könne man ja gleich auf dem Marktplatz rumbrüllen und überhaupt. Auf einmal ist das gar nicht mal so leicht zu tracken. Und PSN? Galt bislang als notorisch unsicher: Passwort-Klau, regelmäßige Hacker-Attacken und weiß-ich-nicht-was. Auf einmal verzweifeln daran Geheimdienste weltweit an deren Chat? Das vorrangig Leute mit der Kompetenz von Schulze und Schultze, den beiden minderbemittelten Detektiven aus Tim und Struppi bei den Geheimdiensten sitzen, wage ich irgendwie zu bezweifeln.Ein bisschen was zum Thema steht übrigens hier bei The Verge.

Was bleibt übrig? Nun, Menschen kommunizieren. Heute eben auch via Spielen. Heißt, auch Steam könnte demnächst Thema sein: Schließlich kann man auch hier gepflegt chatten.Womöglich wird also auch das mal Thema sein. Deswegen muss man auch als Spieler nicht gleich im Kreis springen. Und Medien müssen sich halt auch immer fragen, ob es eigentlich überhaupt etwas zu berichten gibt. Derzeit wird ermittelt, wie genau die Attentäter die Anschläge organisiert haben, was, wann und wie geplant wurde. Wenn jede kleine Spur diskutiert wird, auch die, die im Nichts verlaufen, kriegt noch mal einer einen Herzinfarkt.

Weitere banale wie wichtige Feststellung: Jedes Mittel, was die Guten schützt (Verschlüsselung), kann auch die Bösen schützen. Im vorliegenden Fall wurde sehr schnell und leider vorschnell eine Info in die Welt posaunt, die so nicht stimmte. Nichtsdestotrotz ist nun eben Thema, dass im PS4-Chat theoretisch auch Verbrecher, Terroristen & Arschlöcher miteinander reden können. Gegen Spieler per se hat, soweit ich es gelesen habe, bislang noch niemand etwas gesagt. Verbrecher, Terroristen & Arschlöcher darf man begründet auch so nennen, egal ob sie Bücher lesen, Strümpfe stricken, Nippes sammeln oder gelegentlich Playstation spielen. Mit letzterem müssen auch Spieler leben. Das leider auch pauschale Urteile fallen, bleibt leider nie aus. Aber ein bisschen Gelassenheit wäre durchaus angebracht.

Zum Schluss ein Zitat von The Verge-Autor Russel Brandom:

In the wake of a tragedy, shock makes us value security over all else, often forgetting smaller virtues in the rush to protect ourselves. It’s a natural impulse, but it’s worth considering where it might take us, left unchecked. With enough fear, anything comes to look threatening: a gaming console, a toilet, a smartphone. Will destroying them make us more or less powerful?

Russell Brandom, The Verge

 

Beißreflexe
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Ein Gedanke zu „Beißreflexe

  • Dezember 4, 2015 um 12:40 pm
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    Also ich denke da wird wohl zu heiß gekocht bzw die Rolle der PS 4 etwas überschätzt durch den belgischen Innenminister! Die wollten sich so traurig das klingt, doch bloß etwas vor ihrer „schändlichen Gottestat“ etwas abkühlen! Alles sehr traurig und erschütternd!

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Und jetzt ihr!