…wird es wohl nicht geben. Jedenfalls nicht, wenn darunter schlicht ein qualitativ hochwertiges, kantiges, innovatives und/oder besonderes Format versteht. Dazu fehlt aus meiner Sicht hierzulande an einigem: Mut, Risikobereitschaft, Geduld. Und so.
Das ist nun nicht so neu und von verschiedener Seite immer wieder angesprochen worden. Und in schöner Regelmäßigkeit monieren Programm-Macher und/oder Kritiker, dass „sowas“ im deutschen Fernsehen eben einfach nicht funktioniert. Ich meine: Könnte es sehr wohl. Aber der Zug ist womöglich schon abgefahren.

Mut kommt nicht an
Im Oktober 2013 erschien in der Frankfurter Rundschau ein Interview mit einem Literaturprofessor, der den Tatort für ein Forschungsprojekt unter die Lupe nahm. Im Rahmen dieses Interview fiel folgendes Zitat:

„Dominik Grafs grandiose Serie „Im Angesicht des Verbrechens“, die problemlos mit „Breaking Bad“ mithalten kann, ist beim deutschen Publikum gefloppt. Wenn die deutschen Fernsehanstalten einmal wie hier mutig sind, kommt es nicht an.“

Das ist nicht so ganz von der Hand zu weisen. Allerdings: Zum einen hat man Dominik Grafs Serie nicht unbedingt auf dem allerbesten Sendeplatz gebracht und womöglich hätte man das auch ein bisschen cleverer hypen können. Das mag Klugscheisserei sein, aber im Kern gehts mir auch um etwas anderes. Etwas, was mich kolossal nervt. Diese schnöselig-passive Grundhaltung des deutschen Fernsehens, wenn es um Themen und Formate geht. Und da beziehe ich generös die gesamte Fernsehlandschaft mit ein. Und dieses völlige Verpennen von dem, was serientechnisch in den USA schon eine gute Weile gemacht wird. Es wird hierzulande praktisch nichts Vergleichbares produziert. Was dann aufgrund des US-Erfolgs eingekauft wird, tut sich nicht immer leicht. Die erste Staffel „Homeland“ lief noch sehr gut im regulären Programm (SAT1), doch mit der zweiten Staffel ging es deutlich schlechter. Zwei Folgen hintereinander dürften keine so gute Idee gewesen zu sein. Oder hängen wir Deutschen in der Mehrzahl doch noch zu sehr hinterher? Komplexer als die „Schwarzwaldklinik“ darfs einfach nicht sein?

Es gibt aber Lichtblicke, die wunderbarerweise funktionieren. Mit „Die Brücke“ läuft derzeit in der zweiten Staffel eine sehr gute Krimi-Serie im deutschen Fernsehen (ZDF). Das ganze ist eine Co-Produktion des schwedischen, dänischen und deutschen Fernsehens – auch unter Beteiligung des ZDF. In den USA gibt es davon ein Remake namens „The Bridge – America„. Die Handlung wurde kurzerhand an die amerikanisch-mexikanische Grenze verlegt.

Das die preisgekrönten und hochgelobten US-Serien wiederum hierzulande nicht so laufen, hat viele Gründe. Die Zuschauer, die sich für die oft kompliziert gebauten, manchmal sperrigen, US-Serien interessieren, haben sie längst gesehen. Glaubt irgendwer ernsthaft, das die solchermaßen sozialisierten Zuschauer ins Programm schauen und suchen? Wo dann womöglich zwei Folgen hintereinander gesendet werden? Der Tatort funktioniert, weil er seit etwa 280 Jahren auf dem gleichen Sendeplatz läuft. Und auf den können sich tatsächlich auch unterschiedliche Alters- und Zielgruppen noch irgendwie einigen. Und wenn sie die aktuelle Folge auch hauptsächlich auf Twitter bequatschen. Meiner Mutter dagegen ist schon der Tatort manchmal zu brutal. Nichts gegen Mama (die ist natürlich die beste), aber sie entspricht eben auch dem Zuschauer, der mit der Komplexität und Brutalität von Dallas oder den Drombuschs sozialisiert wurde.

Im Griff der Quote
Ja ja, ich weiß: Man kann den US-Fernsehmarkt mit seinem Pay-TV nicht so ohne weiteres mit unserem vergleichen. Aber man kann sich auch nicht immer hinter solchen Dingen verstecken. Das vorhandene Maß an Innovation wird heute leider oft outgesourced. Über Freie in einem schwierigen Beschäftigungsverhältnissen ist ebenfalls schon oft genug geschrieben oder geredet worden.
Extrem sehenswert in diesem Zusammenhang auch Dominik Grafs Essayfilm „Es werde Stadt„. Der zehnfach mit dem Grimme-Preis bedachte Dominik Graf und sein Co-Autor Martin Farkas äußern sich hier sehr nachdenklich bis provokant über das deutsche Fernsehen, wo die Quote heute nahezu alles ist:

„Ist nicht in einer demokratischen Fernsehrepublik auch immer die Frage, wer sich durch wen repräsentiert fühlen kann, darf, soll? Und muss nicht eventuell, so wie man die Städte durch Missbrauch durch ihre Einwohner schützen sollte, auch das Fernsehprogramm vor seinen Zuschauern geschützt werden?

Die Schauspielerin Iris Berben (Rosa Roth) wirkt in Grafs Doku, als müsse sie sich ein wenig zurückhalten, nicht lauter zu poltern, wenn sie „diese ungeheure Ängstlichkeit“ moniert, die sie bei redaktionellen Abnahmen spüre. Nahezu jedes Mal habe sie rechtfertigen müssen – und das auch unbeirrt getan – das das Team im grauen November drehen wollte, um eben genau diese Stimmung zu erzeugen. „Mehr Geranien“, wollten sie, erzählt sie. „Du hast gemerkt, dass immer mehr Druck aufgebaut wurde.“ Am Ende habe sie an Besprechungen schon gar nicht mehr teilnehmen dürfen.
Die Doku stellt Fragen wie: Woher kommt eigentlich der Druck? Wer entscheidet – und mit welchen Mitteln – welche Inhalte auf den Schirm kommen? Woher kommt die starke Formatierung von Filmen, die Standardisierung von Längen? Auch, wenn Graf & Farkas gelegentlich ein bisschen sehr ins „früher war alles besser“ verfallen und auch ein Stück weit verklären: Der Film ist sehenswert.

Wir haben viel gelernt, als wir Pixelmacher erdacht, produziert und immer wieder verändert haben. Ich traue mich nicht unbedingt, all unsere Ideen mutig zu nennen. Vieles war vielleicht auch einfach Leichtsinn. Aber das hat unsere Antennen geschärft und uns gezwungen, neu zu denken. Sender und Programme können davon profitieren, was ihre Kreativen in solchen Prozessen (die durchaus schmerzhaft sein können) lernen. Wenn sie denn wollen.

On Demand
Was auch immer wieder gerne gesagt wird (ebenfalls von Fernsehmachern wie Fernseh-Kritikern gleichermaßen), wenn es um das heutige Seh-Verhalten geht: Die Zuschauer guckten eben vermehrt On Demand und seien ihr eigener Programmdirektor. Das stimmt und es stimmt auch wieder nicht.

Vor einigen Monaten befasste sich mein Kollege Till Frommann in seinem „Fiktion im Netz“-Newsletter mit eben diesem Thema und sah sich die Abrufzahlen verschiedener Formate bei YouTube an:

Die Tagesschau vom 19.11.2013 wurde 162 Mal aufgerufen.
 
Die größten Irrtümer zum Thema Glück“ wurde auf YouTube 111 Mal angeklickt.
 
Bei SWR3latenight waren es 188 Abrufe.
 
Die 32. Folge des Computerspielemagazins „Reload“ wurde immerhin 7398 angeklickt.
 
(Stand: 21. November, 9:58 Uhr)

Auch, wenn diese Zahlen ein gutes halbes Jahr später natürlich nicht mehr korrekt sind: Man darf bezweifeln, dass sie zwischenzeitlich explodiert sind. Das ist also nicht wahnsinnig berauschend. Aber warum?

Shortcuts“ ist ein Web-Format zum Thema Filme, bei dem unter anderem Nilz Bokelberg an Bord ist. Das letzte Video vom 7. April kommt (Stand: 8.4.2014) auf 2984 Abrufe. Ganz offensichtlich funktioniert Fernsehen im Netz eben nicht genauso wie in diesem viereckigen Kasten auf dem IKEA-TV-Rack.
Bei ZDFneo war vor einigen Monaten mal Christoph Krachten zu Gast, dessen Firma so erfolgreiche Web-Formate wie YTITTY produziert. Till war dabei und protokolliert Krachens Antwort auf die Frage, warum beispielsweise „Shortcuts“ nicht funktioniert, wie folgt:

„Weil die Jugendlichen unter anderem Nilz Bokelberg überhaupt nicht mehr kennen. Die Zielgruppe weiß, wer YTITTY ist, wer LeFloid ist und was ApeCrime fabrizieren.“

Nun und die produziert Herr Krachten. Ein richtiges Rezept für Erfolg hat Till allerdings dem Vortrag von Christoph Krachen auch nicht entnehmen können.

Ein Rezept ist aber generell nur so gut, wie der Koch. Wenn Jamie Oliver einen Burger macht, ist der mutmaßlich gelungener, als der von McDonalds oder Burger King. Nebenbei bemerkt kann man jedes Format irgendwie falsch anpacken. Egal im TV oder Netz. Ich möchte an dieser Stelle zudem anmerken, dass Nilz Bokelberg ein kluger Kopf ist. Und etwas von Filmen versteht. Wenn Shortcuts nicht wie wild geklickt wird, heißt das noch lange nicht, dass es schlecht ist. Kino-Magazine haben es schon im konventionellen Fernsehen schwer. Es gibt aber viele erfolgreiche Film-Podcasts. Womöglich ist das Format einfach nicht optimal, aber ob man Nilz nun kennt oder nicht, ist meiner Meinung nach nicht das einzig ausschlaggebende. Gronkh und Sarazar mussten ja auch irgendwann mal anfangen. Und letztlich überzeugen. Das gelang ihnen mit einem passenden Format: Let’s Plays. Es macht Spaß, den zweien zuzuschauen und zu hören, weil die beiden Spaß haben. Zu Beginn sahen ihre Videos aber auch mal anders aus, inzwischen gibt es mit Let’s Play Together eine professionell produzierte und gesponserte Web-Serie.

Warum das eine funktioniert und das andere nicht, darüber kann man lange diskutieren. Es ist dabei auch egal, ob die Plattform Fernsehen, Internet oder beides lautet. Gronkh & Sarazar wären vermutlich in keinem Sender, mit dem was sie tun, im Fernsehprogramm gelandet. Was sie machen wurde im Netz geboren und gehört dort auch hin. Ich bezweifle, dass es im Fernsehen funktionieren wird. eSport begeistert Millionen: Im TV dagegen will das auch kaum jemand sehen. Das hat sowohl Eurosport als auch ZDFkultur versucht. Eurosport war zu Beginn damit durchaus erfolgreich, etabliert hat sich das ganze aber nicht.

So, jetzt mal die Kurve kriegen. Ich begann mit dem mutlosen deutschen Fernsehen und landete irgendwie bei Netz-Formaten.
Also: Es wäre schön, wenn das deutsche Fernsehen sich regelmäßig an mutigen Serien versuchen würde, wie das grandiose „Im Angesicht des Verbrechens“ eine war. Irgendwann werden noch mehr Zuschauer serientechnisch auch anderes als „Unser Charly“ oder „Großstadtrevier“ aushalten können. Da muss das Fernsehen durch. Bryan Cranston sagte in der arte-Doku „It’s more than TV“:

„Wir wussten, dass Breaking Bad kein Stoff für die Masse sein würde. Und wir finden das in Ordnung. Oftmals, wenn man der Masse gefallen will, führt das genau zu diesem industriellem Typ Serie. Akzeptabel für alle, wirklich aufregend für niemanden.“

Hier hatten die Macher Geduld und am Ende hat es sich ausgezahlt. Aber selbst, wenn es das mal nicht tut: Versuch macht klug. Ich habe das erlebt.

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