Eigentlich ist ja im Sommer immer die große Spiele-Flaute, um dann im Herbst/Winter in eine Spiele-Schwemme über zu gehen. Wo man dann kaum weiß, wie man all das jemals an- geschweige denn durchspielen soll. Auch Heavenly Sword für die PS3 wird erst im September erscheinen, aber immerhin hat Sony jetzt schon mal nach London geladen, um erste Einblicke zu gewähren. Also ab in den Flieger und auf nach Londinium…

Man kennt die Marketing-Reden schon seit Jahren: Spiele und Filme werden eins, die Rede ist vom interaktiven Kinoerlebnis, etc pp. In der Praxis sieht man dann zwar Kamerafahrten wie auf der Kinoleinwand, hört aufwändig produzierte Soundtracks oder die Stimme von Johnny Depp. Das wars aber zumeist. Auch mit Motion Capturing, also dem Digitalisieren eines Schauspielers für ein Spiel kann man kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Für das Playstation 3-Spiel „Heavenly Sword“ ist man nun einen großen Schritt weiter gegangen. Eine komplette Schauspieler-Riege hat digitalen Charakteren nicht nur Stimme & Körper geliehen, sondern auch eine Rolle gespielt.

Normalerweise würde man bei einer Spiele-Vorstellung als erstes Story und Gameplay vorstellen. Bei Heavenly Sword muss man etwas weiter ausholen. Denn es handelt sich zwar um ein klassisches Action-Adventure Produktionsweise und Entstehung sind hier schon etwas anders. Schauspieler Andy Serkis, der Gollum aus dem Herrn der Ringe, spielt die Rolle des Tyrannen Bohan. Motion Capturing heißt die Technik, bei dem Schauspieler mit aufwändigem Verfahren digitalisiert werden. Das macht man inzwischen häufig für Spiele und Filme mit digitalen Charakteren. Die besten Beispiele sind der genannte Herr der Ringe oder auch King Kong. Die Technologie ist also im Prinzip erprobt, aber der Umfang doch neu. Vor allem wurde bisher üblicherweise Sprache und Aktion der Schauspieler getrennt aufgenommen. Das es möglich ist, fünf Personen gleichzeitig komplette Szenen einspielen zu lassen, ist ein technologisches Novum. Nötig waren dazu 60 Infrarot-Kameras mit Motion Capturing-Funktionen und fünf Videokameras. Die nahmen die Darsteller aus allen möglichen Perspektiven auf. Andy Serkis führte auch Regie am Set und fungierte neben seiner Rolle des Bohan als Dramatic Director.
Interessanterweise haben sich das Entwicklerstudio Ninja Theory und Serkis so jeweils die Aufgabe gesucht, die sie am besten können. Das ist erwähnenswert, weil keineswegs selbstverständlich. Serkis ist kein Zocker und wird wohl, nach eigener Aussage, keiner mehr werden. Aber er kann eine Rolle überzeugend spielen und er weiß, was Storytelling ist. Und das, mit Verlaub, haben die wenigsten Spiele-Entwickler wirklich drauf. Es gibt nur wenige Spiele, deren Geschichte und Atmosphäre wirklich packend sind. Fahrenheit zählt für mich dazu, aber auch Max Payne. Beide haben keine strahlenden Helden als Protagonisten sondern welche mit Ecken und Kanten.
Aber Spiele-Entwickler wissen wie man spannende Level baut, wie ein Interface aussehen muss und was Balancing ist. Wenn also beide ihren Job gut machen und das noch optimal zusammenbringen, ist das schon mal ein Riesenschritt.

Soweit die lange Vorrede, nun aber mal zur Story. Heavenly Sword handelt von Vergeltung, Mut und Selbstfindung. Aber die Presseinfo verspricht: die aparte Heldin Nariko (gespielt von Anna Torv) wird am Ende erkennen, dass Rache keine Probleme löst. Die Amazone Nariko ist Tochter eines Klan-Führers und damit leider nicht der ersehnte männliche Nachkomme. Laut Prophezeiung sollte dieser nämlich den Clan zu seinem rechtmäßigen Platz im Götter-Himmel führen. Mit der Geburt eines Mädchens, so scheint es, wird sich die Prophezeiung nicht erfüllen. Als Narikos Vater durch die Hand eines Rivalen stirbt, sieht sie die Möglichkeit, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen und den Mord zu rächen. Zudem fallen Armeen des Tyrannen Bohan (Andy Serkis) Dazu muss sie das himmlische Schwert (Heavenly Sword) benutzen, eine mächtige rituelle Waffe. Doch die Mächte des Schwertes können auch Nariko den Tod bringen. Bei ihrem Kampf erkennt sie nicht nur, dass Rache keine Lösung ist, sondern findet auch zu sich selbst. Soweit die Ankündigung in der Pressemappe.

Zum Gameplay kann man bei solchen Pressevorführungen meistens nicht viel sagen, was auch nach Erscheinen des Spiels noch Bestand hat. Das ist zumindest meiner Erfahrung. Dazu reicht die Zeit einfach nie aus. Vier Stationen standen zur Verfügung, an denen man spielen konnte. An dreien gab es lediglich ein kurzes Demo-Level zu spielen. Lediglich an einer PS3 gab es eine längere Beta-Version. Die durchgehend belagert war, wie man sich vorstellen kann. Das, was ich testen konnte, war ein klassisches bis konventionelles Action-Adventure: Ein bisschen Geschicklichkeit in Richtung Jump’N Run und vor allem jede Menge akrobatische Kämpfe. Dazu muss man das himmlische Schwert beherrschen lernen, in der Praxis reichte aber erstmal auch wildes auf dem Controller rumhauen. Daneben kann man praktisch alles Bewegliche aus der Umgebung nutzen. Herumliegendes Geröll oder Fässer können so zur Waffen werden, ein Tisch vor Angreifern schützen. Dazu wird auch die Bewegungssensitivität des Controllers eingesetzt, mit dem man geworfenen Gegenständen einen Drall geben kann. Auch in der Rolle anderer Figuren auf Seiten Narikos schlüpft man, zum Beispiel der jungen Kai. In ihrer Gestalt benutzt man eine andere Waffe, einen Bogen mit feurigen Pfeilen, setzt also mehr auf Fernkampf. Selbst eine Art mittelalterliche Bazooka kommt zum Einsatz. Es wird also vor allem eine Menge gekämpft, in Heavenly Sword. Trotzdem ist es nicht übermäßig mit wüsten Splatter-Effekten vollgestopft. So peilt man bei Sony eine Altersfreigabe ab 16 Jahren an. Die Website zum Spiel darf allerdings nur sehen, wer man vorher sein Alter eingibt, eine 18er-Freigabe scheint also durchaus einkalkuliert zu werden.
Wesentlich mehr lässt sich bisher nicht über das Gameplay sagen, dazu reichten die zu spielenden Sequenzen nicht aus. Vor allem, wie die aufwändigen und durchaus bewegenden Videosequenzen der Darsteller in den Spielverlauf eingebunden sind, wird sich erst noch zeigen.

Trainiert eure Finger! Die Steuerung scheint recht simpel, aber fix sollte man sein. Wenn Gegnerwelle auf Gegnerwelle anrennt, heißt es schnell sein. Auch bei den Jump’nRun-Einlagen muss man schnell reagieren und beispielsweise den Analogstick rechtzeitig nach rechts bewegen, um Nariko auf einer schwankenden Seilbrücke nicht abstürzen zu lassen

Grafisch hat Heavenly Sword natürlich auch einiges zu bieten. Vor allem die Gesichter der Charaktere sind, dank der aufwändigen Produktion, sehr lebendig. Die Umgebungen sind sehr malerisch: Weite Landschaften, riesige Schluchten und große Festungsanlagen. Nariko bietet natürlich weibliche Idealmaße und eine Haarmähne, die eindrucksvoll um die gelenkige Dame wallt. An Kleidung trägt sie nur das Nötigste, schließlich stört all zuviel Rüstung die Bewegungsfreiheit…

Beim Sound ist vor allem die Musik erwähnenswert. Die stammt von Nitin Sawhney, einem indischstämmigen Briten, der als einer der vielseitigsten Künstler Englands gilt. Was ich allerdings erst nachlesen musste. Ich hoffe, es geht mir nicht als Banausentum durch, aber ich hatte von dem herrn noch nie etwas gehört. Sawhney ist studierter Jurist, war Teil eines britischen Comedy-Duos, spielte im James Taylor Quartett, veröffentlichte diverse Solo-Alben und schrieb Musik für Film und Fernsehen. Man muss ihn allerdings nicht kennen, um die Musik gut zu finden. Sein Soundtrack unterstützt die immer etwas dunkel-traurige Gestalt von Narikos und die Atmosphäre perfekt.

Fazit: Dem ersten Eindruck nach ist auch Heavenly Sword noch immer ein typisches Videospiel, bei dem es darum geht, im richtigen Moment die richtigen Knöpfe zu drücken. Aber die homogenen Spielszenen mit menschlicher Mimik und Dramatik sind hervorragend. Man sieht einfach, was möglich ist. Erzählweise und Präsentation könnten der Anfang einer spannenden Entwicklung von Videospielen sein. Lediglich der Eindruck, dass es spielerisch das Rad nicht neu erfindet, kann den guten Ersteindruck etwas trüben. Aber welcher Entwickler kann das schon…

Wer mag kann sich den Bericht aus London hier ansehen. Viel Spaß!

Oder anhören:

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