So, der erste Tag ist rum und ich muss sagen, es war fast wie auf der Uni. Nur mit ein paar Spielmoeglichkeiten in den Pausen. Leider war ich zu faul, mein Laptop mit auf die Messe zu schleppen. Zur Strafe sitze ich jetzt hier mit 28 Seiten handschriftlichen Notizen auf einem DIN A5 Block. Also los gehts:

GDC

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Nach der Akkreditierung setze ich mich erstmal hin und checke die Lage. Was ist ueberhaupt interessant fuer mich? Immerhin ist die GDC eine Veranstaltung fuer Entwickler. Das macht sie zwar auch bzw. trotzdem sehr spannend fuer Journalisten, aber vieles ist auch sehr speziell. Ein Blick in den dicken Katalog hilft weiter. Ziemlich ausfuehrlich werden hier die einzelnen Themenbereiche und ihre Sessions beschrieben. Den Bereich GDC Mobile hake ich erstmal ab. Schimpft mich ruhig ignorant, aber ich kann mit diesem Handy-Gaming nichts anfangen. Bisher habe ich noch kein Spiel, keine Anwendung gesehen, die mich wirklich ueberzeugt haette, geschweige denn mich zum Spielen am Handy gebracht hat. Wer trotzdem wissen will, was da los ist, schaue hier.

Der Casual Games Summit dagegen ist schon interessanter. Das war schliesslich DAS Schlagwort 2007. Die ganze GC war voll von „Spielen fuer Jedermann“ (Ubisoft) und allen moeglichen Musik-, Quiz- und Partygames. Aber da geht auch gleich das Problem der GDC los: Es sind so viele Sessions in verschiedenen Bereichen im Angebot, dass Vieles parallel laufen muss. Da heisst es, sich entscheiden. Beim Casual Games Summit stehen eher Business-orientierte Sessions auf dem Programm, zumindest heute.

Independent Games Summit klingt schon rockiger, so ein wenige nach anspruchsvollen Perlen im Haifischbecken des Kommerzes. Ironie beiseite, die gibt tatsaechlich. Da erzaehlen zum Beispiel die Indie Game Designer Alec Holowka und Derek Yu von Bit Blot, von ihren Erfahrungen mit der Entwicklung des wunderschoenen Aquaria. Dafuer gabs im letzten Jahr einen Preis beim Independent Game Festival. Das Unterwasser-Abenteuer kann man als Demo hier downloaden.

Aquaria

Am Ende entscheide ich mich aber fuer den Serious Games Summit, in der North Hall des Moscone Centers. Serious Games ist auch so ein Schlagwort 2007. Hier wird die Bezeichnung kurz und knapp auf Spiele angewandt, die ueber reine Unterhaltung hinaus gehen. Ein breites Spektrum. Es reicht von unterhaltsamen Spielchen mit ein bisschen Wissensvermittlung bis hin zu Simulationen fuer Krankenhaeuser, Architekten, Verkaeufer oder auch dem Militaer. Die erste Session dreht sich um Game Engines fuer Serious Games. Normalerweise lizensieren natuerlich die meisten Entwickler von Serious Games eine bestehende Engine. Das ist nicht immer unproblematisch, lernt man in diese Session. Amulya Garga von Lockheed Martin meint beispielsweise, in eine voellig andere Rolle zu schluepfen, wie in Rollenspielen, sei nicht ganz das, was ein Ruestungs- und Technologie-Konzern brauche. Trotzdem kann aber ein solcher Konzern eine Simulation brauchen, die das Training bestimmter Ablaeufe ermöglicht. Game-Technologie eben und so wird dann aus einer 3D-Engine fuer ein Spiel ein Serious Game, mit dem Mitarbeiter geschult werden koennen. Dafuer nutzt Lockheed kommerzielle Games Engines.

In der naechsten Session dreht sich alles um die Situation von Serious Games in England und Frankreich, morgen folgen Japan und Kanada. Wir hoeren von Professor Bob Stone, dass vor allem die West-Midlands voll sind von Serious Games Entwicklern. Auch Universtitaeten interessieren sich fuer das Thema, in Coventry beispielsweise gibt es das Applied Research Centre, das Projekte wie die „Second Life Science City“ und „Serious Vitual World“ zu bieten hat. Der energische Professor Stone schiesst wie ein Wahnsinniger durch seine Slides und beschreibt in Hoechstgeschwindigkeit ueber 20 Entwickler und Projekte.
Es folgt Stephane de Buttet, der ueber die Situation der Serious Games in Frankreich spricht. Dort findet seit 2005 ein jaehrlicher Kongress statt, der Serious Games Summit. Der hat seine Teilnehmerzahlen seit dem Start mehr als verdoppelt. Vor allem aber die Medien begeistern sich fuer das Thema. Ist es doch DIE Gelegenheit, ueber Spiele zu sprechen, ohne die Schlagworte „Sucht“ oder „Gewalt“ in den Mund zu nehmen.

Meine Session Nummer drei fuer diesen Tag heisst: Videogames to build and retain TV Audience. Kurze gesagt geht es darum, wie TV Produzenten ihre Zuschauer mit Online-Content begluecken und damit halten koennen. Paradebeispiel dafuer ist „Lost„. Die mega-spannende Serie (ja, ich finds auch toll) haette das nicht mal noetig, aber bietet sich durch ihre hohe Komplexitaet an. Fans koennen ihre eigenen Theorien zur Handlung veroeffentlichen, es gibt einen Podcast und verschiedene Web-Spielchen zur Serie.
Aehnliches versucht Discovery Channel Kanada fuer sein TV-Event „Race to Mars“. Auf der Homepage zum TV-Spektakel gibt es jede Menge Spiele, unter anderem auch so aufwendige wie das Spiel „Mission 2“ zum Download, mit Multi- und Singleplayer-Inhalten. Es soll Wissen vermitteln, aber auch unterhaltsam sein. Dabei sind die Hardware-Anforderungen extra gering gehalten, um eine moeglichst breite Streuung zu erreichen.
Es gibt eine Menge aehnliche TV-begleitende Projekte, in allen Laendern. Swen Vincke, von den belgischen Larian Studios stellte KetnetKick vor, eine interaktive und kreative TV-Community fuer Kinder. Hier kann man selbst kleine Objekte gestalten und mit Freunden teilen oder an den Sender VRT schicken.
Der Trend geht in Richtung: Keep people engaged! Lass sie diskutieren, spielen, kreieren und Teil einer Comunity sein.

Schnell ein Heissgetraenk vor der Tuer geschnappt (ohne Tee geht bei mir garnix) und ab zu Session Nummer vier: Out of the Box – EA fuels new ideas with Madden and Sims Titles. EA? Serious Games? Ja, richtig gelesen. Auch Major Publisher sind an Serious Games interessiert, auch wenn EAs Steve Seabolt immer wieder betont, dass es sonst bei ihnen vor allem um Unterhaltung geht. Aber wer viel Geld mit Unterhaltung verdient, kann sich leisten, ab und an Gutes zu tun. Da waere der „Play Action Simulator“ auf Basis von „Madden“. Damit koennen NFL-Sportler simulativ Spiel-Situationen trainieren. Voila: Ein Serious Game von EA.
Dann waere da noch Alice. Alice ist eine 3D-Umgebung, mit der man leicht und schnell Spiele selbst gestalten kann, per Drag-and-Drop, ohne grosse Programmierkenntnisse. Der Hintergrund: Programmierer dringend gesucht! Denn Game-Programmierer wird man nicht durch Dauerzocken (auch wenn das wohl mancher denkt) sondern, weil man in der Schule in Mathe aufpasst und einen passenden Studiengang belegt. Meint zumindest Steve Seabolt von EA, weshalb der Publisher das Open Office Projekt auch unterstuetzt. Die Software ist kostenlos und fuer Mac, Linux und Windows zu haben.

Nach dieser Session sind meine Gehirnwindungen schon fast durch, aber die naechste Session muss einfach noch sein: Using an Off-The-Shelf Roleplaying Game to teach Journalism. In diesem Fall ist es Biowares Neverwinter Nights, mit dem an der Uni von Minnesota Journalistik-Studenten erste Versuche starteten.
Nora Paul vom Institute for New Media Studies erzaehlt, wie sich das entwickelt hat. 2001 brachte sie erstmals Journalisten und Game Designer zusammen. Ein schlechter Zeitpunkt, denn die Dotcom-Blase war gerade zerplatzt und die Begeisterung fuer Technik-Projekte war nicht mehr ganz so gross. Doch die rege Dame liess nicht locker und so entstand 2003 „Gravel„, das Game Research and Virtual Environment Lab. Da wurde dann viel ueber die Moeglichkeiten von Spielen im universitaeren Bereich geredet, aber es passierte Frau Paul immer noch zu wenig. 2004 kam dann Bewegung in die Sache und man kaufte von einem schmalen Budget 20 Kopien von Biowares Neverwinter Night-Engine.
Daraus entstand eine Simulation fuer angehende Journalisten, die zunaechst erprobt wurde. Das Szenario war ein Zugunfall, bei dem die Umgebung mit Chemikalien verseucht wird. Die Aufgabe der Jung-Journalisten: Finde einen Story-Ansatz, sammle Hintergrund-Infos, fuehre Interviews und mach‘ Dir Notizen. Dabei lernen die Nachwuchs-Journalisten nebenbei noch andere wichtige Regeln. Zum Beispiel: Behandle Menschen so, wie auch Du behandelt werden willst. Oder: Verlasse Dich nie auf offizielle Quellen. Und: Nutze mehrere Quellen, um eine Informationen zu belegen.
Das Feedback der Studenten war ziemlich positiv. Reale Situationen einmal durchspielen zu koennen, gab ihnen Sicherheit. Daneben sorgte die Simulation auch fuer Heiterkeit: In Rollenspielen kann man bekanntlich seine Charaktere auch der meisten Klamotten entledigen. Leicht bekleidete Journalisten dagegen sind nicht zielfuehrend, sorgten aber fuer das grose Kichern im Kurs von Nora Paul. Auch nicht ganz geplant: Ein Bug sorgte dafuer, dass man gegen den Editor kaempfen musste, wenn dieser im Newsroom im Weg stand. Wobei immer der Reporter umkam. Inzwischen kommt nicht mehr Bioware Engine sondern eine Open Source Engine namens MULE zum Einsatz.
Noch ist das Projekt nicht voll einsatzfaehig, es wird weiter erprobt und verbessert. Noch steht auch eine genauere Untersuchung aus, ob man durch die Software wirklich besser lernen kann und wie man sie in die Ausbildung am Institut einbinden kann.

Nach dieser Session bin ich in den Bus zu Hotel gehechtet, um diesen Artikel zu posten. Und jetzt bin ich sehr muede. Wer Tippfehler findet, ignoriere sie bitte. Ich werde sie nach und nach beseitigen. Aber nicht mehr heute. Bilder gibts noch einige mehr, als die hier geposteten. Und zwar auf Flickr.

Gute Nacht…

GDC 2008: Serious Games auf dem Vormarsch
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2 Gedanken zu „GDC 2008: Serious Games auf dem Vormarsch

  • Januar 16, 2009 um 5:55 pm
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    Hallo Valentina!
    Ich habe deine Seite beim Googeln nach „Spiele selber gestalten“ gefunden.
    Habe also nicht alles was du geschrieben hast durchgelesen… ich bitte dieses zu entschuldigen.

    Ich möchte versuchen, ein kleines und einfaches Spiel für unsere Website , als kleines Gimmik für das bevorstehende Feuerwehrfest zu gestalten. Da ich keinerlei Programmierkenntnisse habe, suche ich ein einfaches Programm, mit dem ich umgehen kann.

    Könntest du mir bitte sagen, wo ich das oben genannte Programm „Alice“ finden kann?

    Ich bedanke mich schonmal ganz herzlich im Vorraus, im Namen der freiwilligen Feuerwehr Lenkerbeck .

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Und jetzt ihr!