Zum Post mit Matthias Dittmeyers Video gibt es einen Kommentar, zu dem ich lieber mit einem Artikel antworten möchte. Alles andere würde nämlich den Rahmen sprengen, fürchte ich. Da muss oder möchte ich ein wenig ausholen. Voranstellen möchte ich, das es sich bei allem hier Gesagtem entweder um meine private Meinung handelt oder beschreibt, wie wir bei neues damit umgehen.

Der Kommentar lautete wie folgt:

Vielen Dank für den Hinweis auf das Video.

Mag sein, dass ich etwas schwer von Begriff bin, aber ich würde doch gerne mal von einem Medienprofi wie Dir etwas von den Mechanismen erfahren, wie es z.B. Dr. Pfeiffer schafft, in (jede?) Talkshow zum Thema eingeladen zu werden.

So aus dem Bauch heraus, habe ich folgende Theorie:
1. Ein Redakteur kann sich nicht mit jedem Thema tief beschäftigen (also können auch “Dummschwätzer” teilnehmen, wenn (2) und (3) erfüllt).
2. Der Talkshow-Teilnehmer sollte “problemlos” zu haben sein.
3. Der Talkshow-Teilnehmer sollte wissen, wie man sich und seine Ansichten populär präsentiert.
4. Eine emotionelle Show ist interessanter, als eine von Fakten dominierte (der Teilnehmer sollte also “auf die Kacke hauen” können).
5. Gut ist, wenn bekannte Muster aktiviert werden können, z.B. Weltverbesserungs-David gegen Industrie-Goliath
6. Umfragen haben ergeben (oder “Bild” hat eine Meinung gebildet), dass die Mehrheit der Zuschauer dem Thema “Ego-Shooter” kritisch gegenübersteht.

Also ist Dr. Pfeiffer immer dabei?

Zu Punkt 1: Ein Redakteur kann sich nicht mit jedem Thema tief beschäftigen (also können auch “Dummschwätzer” teilnehmen, wenn (2) und (3) erfüllt).
Ja, richtig, Redakteure haben nicht immer alle Zeit der Welt, bis in die tiefste Schicht in ein Thema einzudringen. Auf der anderen Seite muss ein Redakteur auch nicht zwingend Meteorologie studiert haben, um einen Bericht über die Häufung von Unwettern zu machen. Seine Aufgabe ist es, Informationen zu sammeln, zu bündeln und verständlich aufzubereiten. Wie man sich denken kann, liegt genau da der berühmte Hase im Pfeffer.

Zu Punkt 2: Der Talkshow-Teilnehmer sollte “problemlos” zu haben sein.
Das vereinfacht die Sache, muss aber nicht zwingend dazu führen, dass der Talkgast ein Schaumschläger ist.

Zu Punkt 3: Der Talkshow-Teilnehmer sollte wissen, wie man sich und seine Ansichten populär präsentiert.
Auch das ist tatsächlich hilfreich, wenn man nur begrenzte Sendezeit hat und das ist ja grundsätzlich der Fall. Niemand hat etwas davon, wenn ein Gast alles Wissen dieser Welt in sich trägt, aber keinen verständlichen Satz herausbringt. Natürlich sollte idealerweise der Gast oder Interviewpartner kompetent UND eloquent sein. In der Praxis erlebt man es leider oft, dass Menschen, die polarisieren oder besonders „knackige“ Aussagen liefern, häufig vor der Kamera zu sehen sind. Und: Viele Medien schreiben von einander ab. Man googelt mal eben bestimmte Themen, man sieht, hört oder liest etwas und schon hat man ein paar übliche Verdächtige. Oft wird vielleicht auch die Häufigkeit des Auftretens einer Person mit Kompetenz verwechselt. Wie oft hat man zu Medien-Themen Jo Gröbel gesehen? Wie oft zu Politik Professor Falter? Was nicht heißen soll, das die Genannten Blödsinn reden. Es verdeutlicht nur eine Tendenz.

Zu Punkt 4: Eine emotionelle Show ist interessanter, als eine von Fakten dominierte (der Teilnehmer sollte also “auf die Kacke hauen” können).
Ja, auch Emotionen sind gewünscht, auch, wenn es um Fakten geht. Und das muss ja auch nicht schlimm sein. Ich erinnere an die legendäre Ausgabe des Literarischen Quartetts vom Juni 2000. Über die Bewertung des Buches „Gefährliche Geliebte“ von Haruki Murakami stritten Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler wie die Kesselflicker. Ein TV-Streit, der Schlagzeilen machte.
Das da gleich die Fetzen fliegen, ist nicht zwingend gewollt. Wobei ich das in der heutigen Medienlandschaft nicht völlig ausschließen kann. Aber das ist Spekulation und ich würde es keinem einfach unterstellen. Natürlich kann ein Schlagabtausch eine Diskussion interessanter machen. Mal ehrlich: Wer würde über das Literarische Quartett reden, wenn es diesen legendären Streit nicht gegeben hätte?

Daraus aber abzuleiten, dass Fakten nicht erwünscht sind, wäre ebenfalls eine Unterstellung.

Man muss auch unterscheiden, ob von einer Talkshow oder einen täglichen Nachrichten-Sendung die Rede ist. In letzterer sind Beiträge selten länger als zwei Minuten. Wenn man einigermaßen die Relation beibehalten will, ist ein Interview-Partner mit einem Statement von 20 Sekunden zu hören. Da freut sich jeder Redakteur, wenn der Interview-Partner in der Lage ist, komplexe Sachverhalte kurz, knackig und verständlich zu verpacken. Natürlich enthebt das den Redakteur nicht von der Sorgfaltspflicht. Natürlich muss er idealerweise die Waage halten, zwischen verständlicher Beitrag und korrekter Information. Es ist aber eine Gratwanderung. In Talkshows können die Teilnehmer länger reden, da hängt es von sorgfältiger Zusammenstellung der Runde ab. Ich sah kürzlich die Phoenix-Runde, wo unter anderem Herr Pfeiffer redete. Wortwahl, Argumentation und Haltung von Christian Pfeiffer sprachen für sich – beziehungsweise gegen ihn als seriösen Interview-Partner zu diesem Thema. Unter anderem sprach Pfeiffer davon, Mädchen seien „natur-geschützt“ gegenüber dem Einfluss von Killerspielen… Die Zusammensetzung der Phoenix-Runde ist meiner Meinung nach definitiv nicht gelungen.

zu Punkt 5: Gut ist, wenn bekannte Muster aktiviert werden können, z.B. Weltverbesserungs-David gegen Industrie-Goliath
Das fällt so ein bisschen zusammen mit Punkt 4. Natürlich wird eine Debatte interessanter, wenn polarisierende Meinungen aufeinander treffen. Das muss ja nun nicht schlecht sein. Information kann und darf auch unterhalten. Muss sie das nicht sogar, wenn man Menschen mit einem Thema konfrontiert? Wer würde sonst zuhören? Nochmal: Es ist eine Gratwanderung.


Zu Punkt 6: Umfragen haben ergeben (oder “Bild” hat eine Meinung gebildet), dass die Mehrheit der Zuschauer dem Thema “Ego-Shooter” kritisch gegenübersteht.

Ist das jetzt eine Frage oder eine Feststellung? Ich kenne keine Umfrage, die so etwas belegen würde. Ich mag auch keiner Redaktion unterstellen, dass man Zuschauern nach dem Mund redet, nur weil die Einstellung hübsch pauschal und polarisierend ist. Es besteht immer die Gefahr, in unterschiedlicher Ausprägung, dass Experten falsch eingeschätzt oder bei Spezial-Themen gesammeltes Wissen nicht optimal ausgewertet wird. Zu Spezial-Themen dazu zählen leider immer noch Videospiele. In vielen Redaktionen sitzen noch immer Leute, die zu wenig auf eigene Erfahrungswelten zurück greifen zu können. Es scheint manchmal, als würde eine Buchrenzension von Menschen verlangt, die zwar lesen können, aber den Unterschied zwischen Lyrik und Prosa nicht kennen oder nicht wissen, was eine Erzählerperspektive ist. Mit Videospielen läuft es allzu oft aber genau so.

Warum also geht es auch ohne Herrn Pfeiffer, zumindest bei neues? Auch wir beobachten natürlich, was aus Richtung des Kriminologischen Instituts so kommt, da es häufig unsere Themen-Gebiete berührt. Die Redaktion neues beschäftigt sich ausschließlich mit digitalen Welten, also auch Spielen. Da wage ich zu behaupten, dass wir Informationen und Aussagen von Herrn Pfeiffer anders einordnen (können). Die Methoden und kausalen Herleitungen von Herrn Pfeiffer sind bei anderen Forschern und Wissenschaftlern sehr umstritten. Das alleine sollte genügen, misstrauisch zu werden.

In der neues-Sendung vom 5. April ging es schwerpunktmäßig um Gewalt in Spielen. Ohne Herrn Pfeiffer. Hier in der Mediathek gucken!

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