Twitter ist ja für mich inzwischen das, was mal ein RSS-Reader war. Halt mit einem netten Zusatz-Element: Chaos. Will sagen, ich kriege ständig sau-interessante Leseempfehlungen queerbeet, abhängig von den völlig unterschiedlichen Menschen, deren Tweets ich folge. Einziges Manko: Manchmal komme ich kaum hinterher, die Artikel und Blog-Posts alle zu lesen. Trotzdem mag ich diese Chaos-Element.

Zur Zeit kann man via Twitter eine interessante Diskussion verfolgen. Und zwar, wenn man unter anderem Leuten wie Ulrike Langer, Gunnar Sohn oder Peter Kruse folgt – um nur eine kleine Handvoll zu nennen. Es geht (mal wieder) um die derzeit irgendwie so beliebte Qualitätsdebatte in Sachen Journalismus und/im Netz. Dazu wurden in den letzten Tagen wieder mal neue Meinungen und Thesen veröffentlicht. Was auch daran liegt, das gestern der Journalistentag in Mainz stattfand.

Gerade las ich den Artikel von Wolfgang Blau, dem Chefredakteur von Zeit Online zum Thema und empfehle ihn hiermit ausdrücklich. Er stutzt die teilweise etwas aufgeregte Debatte ein wenig auf Normalmaß herunter.
Zitat:

Selbstverständlich werden die Menschen auch in Zukunft noch auf vertrauenswürdige, professionelle Websites, Printmedien oder Sender zurückgreifen. Auch in Zukunft wird es noch hauptberufliche Journalistinnen und Journalisten geben. Es werden aber weniger sein als heute und um sich in einer vom Internet dominierten Medienlandschaft behaupten zu können, werden Redakteure ein neues Selbstverständnis und zusätzliches Handwerkszeug benötigen.

Kräftig Öl ins Feuer gießt ja immer wieder gerne FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und seiner Feuilleton-Entourage. Beispielsweise mit einem vielerorts als hämisch empfundenen Artikel über Blogger. Für den Autor dieses Artikels sind Blogger Leute, die „haben Zeit, das Leben in Berlin ist günstig, und Bloggen das Hobby, das ihnen ihre Eltern bezahlen, bis sie davon leben können.“
Ah so…

Wolfgang Blau erwähnt in seinem oben zitierten Artikel auch den britischen Guardian, der von seinen Redakteuren eine Twitter- und Facebook-Seite verlange und wohl auch damit rechnet, damit mal ein Desaster zu erleben. Was ich persönlich sehr mutig finde und mir einiges davon auch im eigenen Hause und der eigenen Redaktion wünschen würde. Als ich im vergangenen Jahr während des Zusammenschnitts unserer Sendung von der Gamescom twitterte, jetzt, so 40 Minuten vor Ausstrahlung würde es langsam knapp, befürchteten Kollegen, ich würde Interna in die Welt posaunen. Ich persönlich wage zu behaupten, dass die meisten Zuschauer inzwischen wissen, dass das Fernsehen kein magisches Hexenwerk ist, sondern da auch mal was nicht perfekt läuft. Zum anderen denke ich, dass eine solche – aus meiner Sicht total harmlose – Offenheit die Leute anders mitnimmt. Ich bekam jedenfalls nur nette Durchhalte-Tweets, während ich mit dem Cutter in Höchstgeschwindigkeit Beiträge, Moderationen und Inserts zusammengebaut habe. Und wir sind einigermaßen pünktlich auf Sendung gegangen, auch wenn die Kollegen der Sendeabwicklung sicherheitshalber zwei Programm-Trailer mehr eingebaut haben, bevor unsere Sendung anfing.

Natürlich diskutieren auch wir in der Redaktion immer wieder wild über das Für und Wider diverser digitaler Phänomene. Zuletzt beispielsweise über Sinn oder Unsinn von Geo-Apps wie Foursquare. Dazu darf ich an dieser Stelle mal eben unsere heutige Sendung zum Thema empfehlen: Um 16:30 in 3sat!

Die Thesen von Frank Schirrmacher – den viele für einen notorischen Kulturpessimisten halten – werden viel diskutiert. Das ist an sich gar nicht so schlecht. Nur für den Blutdruck vielleicht. Professor Peter Kruse hat es gewagt, Schirrmachers Thesen zu hinterfragen und ist dafür vom FAZ-Feuilleton abgewatscht worden. Zitat Kruse via Twitter: „Ratz-FAZ, voll in die Fresse! Hätte Kritik an Schirrmachers Payback wohl doch vorsichtiger formulieren sollen: FAZ-Link

Es ist einfach so: Wer bestimmte Dinge nutzt und Spaß daran hat, ob das nun das Lesen bestimmter Blogs ist, die Vermessung der Welt via Geo-Apps oder twittern, der wird diese Dinge naturgemäß entspannt sehen. Natürlich kann ich nicht ausschließen, mich mit einem bestimmten Facebook-Status-Update, einem Tweet oder Blog-Post mal fürchterlich in die Nesseln zu setzen. Vermutlich wird mir das irgendwann mal passieren. Und vielleicht sträuben sich mir in 5 oder 10 Jahren die Haare, wie ich heute mit dem der Handy-Ortung umgehe. Vielleicht lächelt man aber auch drüber, wer will das jetzt schon so genau wissen. Mit anderen Worten: Ich kann mir einfach nicht anmaßen, darüber eine solide Zukunftsprognose abzugeben. Ich glaube allerdings: Im Moment passiert eine ganze Menge in Sachen Journalismus & Web und das meiste davon finde ich höchstspannend! Ich würde sagen: Schaun wir mal, dann sehen wir’s ja…

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