Von wegen, man mutiert durch Online-Rollenspiele zu einem vereinsamten, hohlwangigen, seltsamen Wesen. Sowas passiert nur Redakteuren im Doku-Wahn. In Gesprächen melde ich mich nur noch mit ‚Schnitt!’ zu Wort. Ich sitze abends spät am Laptop und drehe Worte wie ‚MMO’ und ‚soziale Netzwerke’ sieben Mal hin und her…

Ich stehe ohne Frühstück auf, weil ich möglichst früh im Schnitt sein will. Die Klamotten von gestern tuns außerdem noch. Und die Turnschuhe, die noch im Flur liegen, liegen gerade richtig auf dem Weg aus dem Haus. Als Kollege Harald, den ich noch eben in der Redaktion treffe, wenig charmant zu mehr Schlaf rät, suche ich spontan etwas, um ihn von weiteren Aussagen zu meiner äußeren Erscheinung abzuhalten. Ich lange auf den Schreibtisch unseres Kaffekassen-Verwalters und erwische einen Sack Kaffeebohnen. Bevor ich mit der 2 Kilo Tüte brasilianischen Kaffees Harald zum schweigen bringen kann, halten mich 5 Kollegen mit guten Zureden und roher Gewalt davon ab.
Grummelnd schlurfe ich mit meinem Pfefferminztee-gefüllten Starbucksbecher in den Schnitt. Cutterin Barbara schiebt Videoschnipsel hin und her, setzt Schriften und versucht, den flimmernden Streifenpulli eines Interviewpartners zu korrigieren. Nicht, dass jemand einen epileptischen Anfall bekommt.

Gegen Nachmittag läuft Kollegin Katha zur redaktionellen Abnahme des Rohschnitts ein. Eine halbe Stunde rede nur ich, dann sie. In langen, zähen Verhandlungen hangeln wir uns Passage für Passage durch den Text. Hier zu wenig Infos, da zu viel, und nein, der Drache wird NICHT von einem Spieler gesteuert und der Zwerg da säuft, weil Zwerge eben gerne einen heben. Hinterher ist nur noch das Gerüst meines Textes übrig, Papier voll geschmiert mit Anmerkungen. Es wird wieder eine kurze Nacht.

Um 8 Uhr bin ich wieder im Schnitt. In den Turnschuhen von gestern und vorgestern… Auf dem Weg dahin meide ich Öffentlichkeit.
Bevor die Cutterin kommt, will ich versuchen, die Punkte aus der Abnahme zusammen zu friemeln. Haareraufend frage ich mich, ob WoW-Spieler mich nach den 700. Änderungen für völlig irre halten werden, der Zukunftsforscher vielleicht für Online-Süchtig gehalten wird und der Rest der Zuschauer sich fragt, welcher Wahnsinnige da am Werk war. Und mancher Interviewpartner wird enttäuscht sein, dass von einem langen Gespräch nur ein kurzer Ausschnitt übrig bleibt. Sobald ich die Doku komplett fertig habe – vertont, redaktionell und technisch final abgenommen – werde ich das Land verlassen und mich ins nicht-europäischen Ausland absetzen. Na gut, eigentlich gehe ich dann nur auf die lange geplante Snowboard-Tour in die Schweiz. Aber man weiß ja nie… 😉

Grade habe ich noch mal in meine letzte Doku reingeschaut, die 2005 erst-ausgestrahlt wurde. Die Schlussworte lauteten:

Wie sich die Wahrnehmung von Computer- und Videospielen in Zukunft entwickeln wird, ist kaum abzusehen. Auch dieses Unterhaltungsmedium wird älter und erwachsener, so wie seine Fans. „Game Over“ ist jedenfalls noch lange nicht! Fortsetzung folgt…

Hm, genau! Dem ist auch 2 Jahre später nichts hinzuzufügen…

Making Of, Teil 6: Am Rande des Wahnsinns
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6 Gedanken zu „Making Of, Teil 6: Am Rande des Wahnsinns

  • März 14, 2007 um 12:02 am
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    Hm nicht nur Redakteure haben die Augenringe – auch die WoW Spieler. Ich spreche da aus Erfahrung 😉 Wünsche viel Spaß im Schnee!

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  • März 14, 2007 um 2:55 pm
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    Sehr schön 😉 Nur eins ist mir aufgestoßen: Wir kommt man auf die Idee, aus einem Starbucks-Becher TEE zu trinken ?! Das grenzt ja schon an ein Sakrileg … 😛

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  • März 14, 2007 um 3:09 pm
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    Ich bin einfach kein Kaffeetrinker, aber ich gehe gerne zu Starbucks, schon alleine wegen des WLANs 😉 Und die haben diese schicken, großen Warmhaltebecher. Solange da niemals Kaffee drin war, kann man ganz hervorragend Tee draus trinken. Das Sakrileg-Risiko gehe ich ein 😉

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  • März 15, 2007 um 9:49 am
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    Ach so, so ein Warmhaltebecher – na gut, das kann man ja mal durchgehen lassen. Ausserdem ist Tee ja auch viel gesünder und so weiter und so fort … so, ich hol mir jetzt mal nen Kaffee

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  • März 15, 2007 um 4:13 pm
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    jajaja… und der arme Grafikdesigner an sich wird mal wieder nicht erwähnt. Wochenlanges „keyen“ von Charakteranimationen, basteln und schieben … und dann, eh, daß mit dem Fußballplatz war doch nicht so die richtige Idee für den Vergleich zum Teamspiel… jajaja, und die prompte “ Hauslieferung “ direkt in den Schnitt wird natürlich auch nicht erwähnt. Aber mit armen Druiden-Grafikdesigners kann man ja das machen… 😉
    OK, ich bin echt mal gespannt, was zum Schluß über den Sender geht.

    Traveller

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  • März 15, 2007 um 5:16 pm
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    Also, fürs Protokoll: Ohne diese fulminante, grossartige und in monatelanger kleinarbeit gefertigte Grafik, wäre der Film nur halb so gut 😉
    Und wegen der winzigkleinen Änderungswünsche meinerseits: Das hält geistig beweglich, Traveller…

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Und jetzt ihr!