Inzwischen ist abgedreht, ich sitze im Schnitt. Jetzt beginnt die harte Auslese. Ich habe tonnenweise gutes Roh-Material, 15-minütige Interviews, Bilder aus Paris, aus Irvine, von Fans, Machern, Wissenschaftler und Branchen-Insidern. Und nur 28 Minuten und 30 Sekunden Sendezeit…

Thrall

Es ist so: ich könnte eine Woche lang jeden Abend einen Halbstünder zum Thema machen. Aus dem ursprünglichen Exposé haben ich inzwischen einen Entwurf für den Film-Text gemacht, eine Art Drehbuch auf Basis des gesammelten Materials. Und natürlich jede Menge Feedback aus der Redaktion dazu bekommen.
Das ist hilfreich, gibt neue Impulse, lässt einen über bereits getroffene Aussagen neu nachdenken. Aber es führt auch in neue Sackgassen, haufenweise Selbstzweifel, Rechtfertigungszwänge und die schiere Verzweiflung.
Aspekte, die ich wichtig fand, fanden andere langweilig. Manchem Interview-Partner hätte ich gerne mehr Zeit eingeräumt, aber ein mehrere Minuten langes Statement ist in einem halbstündigem Film, hm, schwierig 😉
Dann die Sprache: sage ich Instanzen oder Dungeon? Selbst den – einfacheren – Begriff Dungeon muss man eigentlich Nicht-Spieler erklären. Aber wie weit kann ich das ganze runter brechen, ohne das es flach wirkt? Das wird sich sicher nicht vollständig lösen lassen, es bleibt eine Gratwanderung.
Eine Kollegin wollte wissen, wie die Quests entstehen und schrieb mir in den Schnitt:
Muss man sehr kompliziert denken, um interessante Quests zu erfinden? Diese Frage stellt sich mir schon bei so Spielen wie Anno, wo ich mich immer wundere, dass doch immer noch was Neues passiert. Wie programmiert man so etwas. Läuft da eine Uhr im Hintergrund, die sagt, wenn ein Spieler so lange an einer bestimmten Sache gespielt hat, bekommt er eine neue Herausforderung. Oder wie stellt man die „Schrauben und Rädchen“, dass der Spieleentwickler von vornherein weiß, diesen Quest oder diese Instanz können auf jeden Fall nur 50 Leute gleichzeitig lösen. Und wer sind die Gegner, sind das jeweils andere Spieler oder sind das Schikanen, die die Spieleentwickler eingebaut haben?

Das sind tatsächlich spannende Fragen, aber sie werden im Film nur angerissen werden können. Vor allem, weil ich zum Beispiel bei Blizzard nicht drehen konnte, wie programmiert wird. Und solche Bilder bräuchte man, um das erklären zu können. Und in Interview-Fragen ist das ziemlich kompliziert zu erklären. Und: Blizzard ist manchmal übervorsichtig mit Aussagen. Da die Community für ein MMO das wichtigste Kapital ist, wird vieles zuerst innerhalb der Community kommuniziert. Exklusive Aussagen, Pläne, Änderungen, die vorher nicht wenigstens ansatzweise den Spielern erklärt wurden, sorgen häufig für Unruhe. Das ist nun kein exklusives Insiderwissen, dazu muss man nur in die inoffiziellen und offiziellen Foren schauen. So jedenfalls erklärt sich meiner Meinung nach, warum der Entwickler oft recht unverbindliche Aussagen macht. Das ist nicht anders, als in der Politik auch.

Vorab habe ich mir eine Menge Interview-Teile rausgesucht, die ich verwenden will. Während des Spiels und beim einarbeiten des redaktionellen Feedbacks, habe ich die Hälfte wieder rausgeworfen und andere ausgewählt. Thema des Films soll ja sein, warum MMOs so faszinierend sind. Die Frage beantwortet natürlich jeder ein bisschen anders, aber viele Aussagen sind ähnlich. Den Fokus darf ich nicht verlieren, auch wenn es unendlich viele spannende Seitenpfade gäbe.
Lustigerweise spielt zum Beispiel bei praktisch allen Interviewpartnern die halbe Familie mit. Der Zukunftsforscher Matthias Horx muss zwei schulpflichtige Söhne dazu bekommen, auch mal Hausaufgaben zu machen. Teut Weidemanns Sohn kann bereits mit einem Level 70 Charakter protzen und seine Tochter spart gerade fürs erste Mount.
Und fast alle verweisen auf Kindheitserlebnisse. Der Raidleiter der Holy Warriors, die wir filmisch beim BWL-Raid begleitet haben, hat endlich das Spiel, das er als Kind schon haben wollte. Der Hörspiel-Macher lässt keine Gelegenheit aus, die Helden seiner Kindheit, von Peter Lustig bis Justus Jonas, einzubauen.
Tja und mir geht es im Prinzip ähnlich. Ich fand es als Kind immer enttäuschend, diese großartigen Intro-Sequenzen vor Spielbeginn zu sehen und im Spiel war dann alles voller grober Klötzchen und man guckte auf eine Art Schachbrett-Grafik. Außerdem wollte ich immer Geschichten nach- oder mitspielen. Das allermeiste, was mein Bruder auf 3,5 Zoll Disketten mitbrachte, waren aber Strategiespiele. Nachdem mir ein – für damalige Verhältnisse – großartiges Intro-Video die Hintergrundgeschichte erzählt hatte, sollte ich dann Klötzchen hin- und herschieben. Eine Riesen-Enttäuschung. Natürlich sehen auch bei WoW die Filmsequenzen besser aus, als die Spiel-Grafik. Aber ich kann an einer Geschichte teilhaben, sie miterleben, gestalten. Auch wenn ich natürlich nicht völlig Handlungs- und Gestaltungsfreiheit habe. Das ist Illusion, aber eine sehr gute funktionierende.
Um zum Punkt zurückzukommen, wie der Film aussehen wird: Ich muss mich auch an vielen Stellen fragen, an wen ich mich richten will oder muss. Es werden viele zuschauen, die weniger im Thema drin sind. Die interessiert dann weniger, dass aufgrund des Addons vielleicht das ganze, mühsam geknüpfte soziale Netzwerk im Spiel ins Wanken gerät. Weil sich aufgrund der neuen, kürzeren Instanzen Raid-Gruppen neu bilden oder auflösen. Und die persönliche Begeisterung für das Spiel darf ich zwar haben, aber sie darf nicht bestimmend sein. Weitere Frage: Muss ich manche, möglicherweise provozierende, Aussage eines Interviewpartners kommentieren oder spricht die für sich?
Ich finde es spannend zu zeigen, wie eine Gruppe gemeinsam vorgeht. Wie Taktiken besprochen werden, wie genau man wissen muss, wann beispielsweise Chromaggus seinen Stun einsetzt, wenn er betäubt. Aber das finden manche möglicherweise stinklangweilig.

Alles in allem wird es eine Grat-Wanderung werden zwischen der Erklärung für weniger informierte Zuschauer und den Fans des Spiels. Letztere werden möglicherweise enttäuscht sein, weil sie erwarten, etwas ganz Neues zu erfahren. Das wird aber nicht zwingend der Fall sein. Denn es geht es darum, einer nicht-spielenden Allgemeinheit zu zeigen: Da gibt es etwas Faszinierendes, etwas Spannendes und es ist einen näheren Blick wert. Zu zeigen, dass Spiele ein – manchmal großartiges, manchmal nicht so großartiges – neues Unterhaltungsmedium sind, die auch als solches vorgestellt werden sollten.
Das passiert gerade in deutschen Medien viel zu wenig.

Inzwischen hat sich der ganze Film auch weiterentwickelt, seit ich im September 2006 mit der Recherche angefangen habe. Man sagt immer, ein Film entsteht dreimal: Zum ersten Mal beim Autor, in meinem Kopf. Zum zweiten Mal, wenn der Kameramann dazukommt, der eigene Bildideen hat, und eine besondere Bildsprache einbringt, wie er meinen Intention umsetzen will. Und zum Dritten im Schnitt. Wieder kommt jemand neues dazu, der Cutter. Hier eine Cutterin, übrigens. Auch sie kennt die Vorgeschichte nicht, muss sich ins Thema einarbeiten. Dazu hat sich auch 2 langer Tage Zeit, in der wir stundenlang Bänder digitalisieren und sie so einen Überblick über das Material, die Szenen und OTöne bekommt. Beim Schnitt ist sie zusätzlich die erst Zuschauerin, die sagen kann: Diese Passage dauert mir zu lange, oder: Das ist zu kurz, ich verstehe nicht, worum es geht. Und sie gibt dem Film eine Dynamik, mit ihrem Schnitt.

Ich merke gerade, dass ich jetzt schon anfange, etwas zu verteidigen, was noch nicht mal fertig ist. Also, seht selbst: Am 22. April, 16:30 in 3sat.
Have fun… hopefully!

Making Of, Teil 5: Die heiße Phase
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2 Gedanken zu „Making Of, Teil 5: Die heiße Phase

  • März 12, 2007 um 11:50 pm
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    Danke für den (wahrscheinlich noch viel zu kurzen) Einblick in die ganze Arbeit „dahinter“.

    >Also, seht selbst

    Auf jeden Fall. 🙂

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  • März 14, 2007 um 9:59 am
    Permalink

    Hui, wirklich spannend an was Du versuchst alles zu denken.

    Dein Artikel ist echt schön und zeigt deutlich, in welchen Dilemma Du als Spieler, Journalist und eben Mitarbeiter bist, wenn ein Thema an der Reihe ist, was Dich besonders interessiert.

    Ich bin auf das Produkt Deiner Lösungen gespannt 😉

    Antworten

Und jetzt ihr!