Fast 6 Monate nach der ersten Anfrage bin ich tatsächlich angekommen, in Irvine. Hier, rund 50 Meilen südöstlich von L.A. logiert Blizzard Entertainment. In einem unscheinbaren sandfarbenen Bürogebäude nahe der UCLA, der University of California. Kein Schild außen weist auf eine der weltweit erfolgreichsten Spieleschmieden hin. Kameramann Peter und ich sind heute zur Vorbesichtung hier, im Fernseh-Slang kurz „VB“ genannt.

Sinn und Zweck einer VB ist, sich die möglichen Drehorte anzusehen, zu schauen wo Interviews stattfinden sollen, wie viel Lampen man benötigt, welche Kamera-Objektive für die geplanten Aufnahmen sinnvoll sind, etc.
In der Lobby warten wir erstmal auf PR-Frau Julia, die bei praktisch allen Dingen, die europäische Medien betreffen, dabei ist. In der Lobby mannshohe Deko: Rechts aus Starcraft Ghost, das inzwischen entwicklungstechnisch auf Eis liegt. Eine Figur, die wir (vielleicht deshalb) nicht drehen dürfen, wie wir später erfahren. Links findet sich ein Zwerg aus WoW, ein WoW-Schriftzug in der Größe eines Mittelklassewagens prangt an der Wand. Rein kommt nur, wer eine Codekarte besitzt. Oder wer von Julia begleitet wird. Sie sammelt uns mit einem amerikanischen Kollegen namens Shon ein und wir brechen auf zur VB.
Die Interviews sollen in einem Konferenzraum stattfinden. Hier ist es zwar schön ruhig, aber bildtechnisch auch ziemlich öde. Peter überkommt das kalte Grausen und er bittet um ein wenig bunteres Ambiente. Wir sprechen verschiedene Möglichkeiten durch, schauen uns ein wenig außerhalb der Konferenzraumes um, aber enden doch wieder hier. Zwar gibt es einige Büros, die optisch einen netten Hintergrund bilden würden, aber zum einen arbeiten hier Menschen, die ein halbstündiges Interview plus genauso langem Aufbau und Einrichtung von Kamera und Lampen unwesentlich stören würde. Und zum anderen ist es Blizzard doch zu heikel, uns in Marketing- oder PR-Büros drehen zu lassen. Am Ende einigen wir uns darauf, ein wenig WoW-Deko in den nüchternen Konferenzsaal zu schaffen, um so etwas Kulisse zu schaffen. Wem das nach unheimlich viel Aufwand nur für einen Interview-Hintergrund erscheint: Es ist so, dass vor einer kahlen, ockerfarbenen Wand automatisch auch jeder Interviewte ockerfarben aussieht. Und Fernsehen macht dann mehr Laune, wenn neben Inhalten auch das Bild ganz ordentlich aussieht.
Was wir ohne weiteres drehen dürfen: Eine Vitrine mit diversen Preisen und jeder Menge schräger Merchandise-Produkte. Da gibt es Cola-Dosen mit WoW-Werbung aus China, Turnschuhe mit Starcraft-Logo aus Korea oder Nokia-Handy-Cover mit WoW-Aufdruck. Made in Germany übrigens.
Im Konferenzraum hängt auch die berühmte Starcraft-CD, die 1999 mit dem Discovery-Shuttle um den Orbit reiste. Ein Computerspiel im Weltall und zwar erstmals im doppelten Sinne.
Danach schauen wir noch bei den GMs vorbei. Die sitzen in einem riesigen Raum im Halbdunklen. Man erzählt mir, dass Licht anschalten zu lautstarken Schmähungen führt. Das klingt zwar nach klassischem Nerd-Verhalten, liegt aber wohl eher daran, dass sich die grelle kalifornische Sonne und TFT-Bilschirme nicht besonders gut vertragen. Will sagen: Man sieht nix auf den Bildschirmen.
Wir drehen auch hier eine Runde, in der Peter versucht, möglichst viele Motive zu verhandeln. Hier liegen die Beschränkungen natürlich nahe. Wie in Paris in der GM-Area müssen Accountdaten und andere sensible Infos geschützt werden.
Nach zweieinhalb Stunden sind wir durch und wissen, was wir an Equipment brauchen und was uns erwartet.
Die Zeit für den morgigen Dreh könnte trotzdem eng werden, denn Blizzard hat nicht unendlich viel Zeit für anstrengende TV-Teams. In halbstündigem Abstand werde ich mit zwei der Blizzard-Gründer sprechen, außerdem mit dem Lead-Producer.
Und dann verspreche ich auch ein paar Fotos. Heute war dafür praktisch keine Zeit.
Nach der VB müssen wir dringend etwas essen und Kameramann Peter, da ein „Local“, weiß, wo man das sehr gut tun kann. Auf dem Rückweg kehren wir in Hermosa Beach ein. Das ist weniger hip und überlaufen als Venice Beach oder Santa Monica. Aber schön, siehe oben…

Making of, Teil 3: Willkommen in Irvine
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Und jetzt ihr!