By: tsn92

Das Folgende ist auf diesem Blog ein eher ungewöhnliches Thema, aber es ist mir ein Bedürfnis, es aufzuschreiben.

Im Februar/März 2015 war ich in Südafrika im Urlaub. Erste Station war Kapstadt – wir hatten ein kleines Apartment via Air BnB. Ich habe unseren Host nach der Sicherheit rundherum gefragt: Spätestens nach der WM 2010 dürfte auch der Desinteressierteste mal gehört haben, dass ein Südafrika-Trip vielleicht etwas mehr Risiken birgt, als, sagen wir, ein Urlaub in Kärnten. Südafrika ist ein beliebtes Urlaubsland geworden, ein Land, das durchaus Vorzeige-Aufbauarbeit nach der Apartheid geleistet hat. Aber leider auch ein Land mit viel Ungleichheit zwischen Reich und Arm, mit hoher Kriminalität und Obdachlosigkeit.

Unser Host meinte, es sei relativ entspannt, wir sollten halt die Gittertür vor der eigentlichen Wohnungstür geschlossen halten. Um das Apartmenthaus herum gab es einen Hof, der auch mit einem relativ hohen Zaun umschlossen war. Die Nachbarschaft war aber ruhig und wirkte gepflegt und entspannt. Aber eines Tages, wir hatten gerade geparkt, tauchte ein Mann vor dem bereits geschlossenen Hoftor auf und bat eindringlich um Geld. Wir räumten gerade den Kofferraum aus, wir waren in einem fremden Land, wir konnten die Situation nicht einschätzen und wir haben ihm nichts gegeben. Ich persönlich, weil ich einfach unsicher war – aus den genannten Gründen. Der Mann war hartnäckig, aber auf eine verzweifelte Art, nicht aggressiv. Irgendwann gab er auf und ging weg.

Noch heute fühle ich mich deswegen hundeelend. Es hätte mir nicht wehgetan und in Gefahr war ich auch nicht. Ich kann das nicht wieder gut machen, jedenfalls nicht direkt. Aber seitdem achte ich mehr darauf, mehr zuzuhören und im Zweifel, Menschen, die betteln einfach etwas zu geben. In Kleinstädten passiert sowas selten, aber in Großstädten ist es sehr häufig. Am Frankfurter Hauptbahnhof wird man zum Beispiel sehr häufig angesprochen. Oder man sieht Menschen vor Supermärkten oder der Zeil sitzen, mit einem Becher vor sich. Ich habe immer Kleingeld einstecken und ich gebe eigentlich immer etwas. Mir ist auch egal, wofür es gebraucht wird. Sicher sind es oft Alkohol oder Drogen. Aber am Ende ist es mir egal, wenn es im Moment helfen kann. Ich kann die Welt so nicht retten und ich habe diesen Anspruch auch nicht. Niemand muss ALLES richtig machen, um das Anrecht auf ein bisschen Helfen zu erwerben. Ich erlebe es oft, dass bei solchen spontanen Aktionen verkniffen gesagt wird, „aber sonst engagierst du dich ja auch nicht und hilfst bei einer Tafel oder so!“ Das stimmt. Aber darf ich deswegen nicht mit einer kleinen Geste reagieren?

Natürlich gibt es auch organisiertes Betteln und dann helfe ich worst case nur irgendeinem Arschloch, das Menschen ausbeutet und selbst gut lebt. Das kann ich nicht ausschließen. Ich weiß, dass das hier womöglich alles furchtbar pathetisch und gefühlsduselig klingt, und man mir durchaus mit einigem Fug und Recht vorwerfen könnte, dass ich mich damit nur selbst besser fühlen möchte. Aber fuck off: Was ist denn die „richtige“ Form? Gibts dafür ein Handbuch oder eine Wertungsskala, die ich abarbeiten könnte?

Vielleicht liegt es an der trüben Jahreszeit und generell mittlerer Stimmungslage bei mir, dass ich das jetzt aufschreibe. Aber vielleicht ist das auch egal. Es geht um Humanität, wenigstens ein kleines bisschen davon.  Das ist es, was Menschen zu Menschen macht und man darf nicht zu hart werden. Das kommt noch früh genug – in der Zombie-Apokalypse ist dann eh alles im Arsch. Aber bis dahin: Be as good as you can.

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Mal ganz was anderes…
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2 Gedanken zu „Mal ganz was anderes…

  • Dezember 29, 2015 um 12:48 pm
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    Hey Valentina

    Du rettest die Welt nicht. Erst recht nicht, indem du der Bettelmafia Kleingeld gibst. Aber schon ein bisschen mehr, indem du den Mut hast, eingefahrene, bequeme Wahrnehmungen in Frage zu stellen („is doch eh alles Betrug“) und dich einer unlösbaren Aufgabe wenigstens nicht ganz zu verschließen.
    Vor allem aber, indem du Interesse und Energie aufwendest, um die kennenzulernen und besser zu verstehen, denen du dort begegnest und die dich auf die eine oder andere Art um Hilfe bitten. Und das was du dabei findest, seien das auch noch so einfache und unvollständige Gedanken, laut aussprichst.
    Am besten in einer Umgebung, in der solche Themen gar nicht erwartet werden. Und wo es vielleicht sogar zu einem nicht unbeträchtlichen Teil darum geht, sich gemeinsam vor dem Schlimmen in der Welt eine Zeit lang zu verstecken (Computerspiele und Eskapismus…).

    Ich schätze, die Entscheidung, so einen Beitrag in deinen Blog zu schreiben, ist dir aus verschiedenen Gründen nicht leicht gefallen. Dafür, dass du es gemacht hast, bekommst du meinen Respekt. Nur so fängt Öffentlichkeit vielleicht, im gaaanz kleinen, damit an, etwas zu verändern.

    @alle, die öfters ähnliche Momente erleben: Quatscht die Leute mal an, wenn sie dich um Geld bitten, und frag sie, weshalb sie vom betteln leben müssen. Erstens tut ihnen dieses Interesse und der Respekt dahinter sehr gut. Und zweitens erkennt ihr damit leicht, wer sich sein Sauf- und Fixgeld auf die leichte Tour besorgt, und wer eine wirklich krasse Geschichte auf dem Buckel hat, zu der man gerne seinen Euro dazu legt.

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  • April 10, 2016 um 8:27 am
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    Einen Aspekt den Du in Deinem Posting etwas unterschlägst ist der, dass die „Geber“ die Bettelei anlocken und letztlich auch dafür verantwortlich sind, dass Kinder eingesetzt werden – denn bei Kindern wird das Herz der Geber ganz besonders weich. Ich persönlich fühle mich von der Bettelei belästigt und habe ehrlichgesagt kein Verständnis dafür, wenn Bettelei durch Geben von Geld noch gefördert wird. Manche Leute geben sogar in Schnellrestaurants Geld, weshalb dann andere Menschen in diesen Restaurants von Bettlern beim Essen gestört werden. Und die Bettler sind wirklich nur auf Geld aus – gibt man ihnen Naturalien, z. B. Essen – dann werden die häufig weggeschmissen, sobald sich die Bettler ungesehen glauben. In Ländern wie Indien müssen tatsächlich Menschen von der Bettelei leben – in Deutschland sehe ich diese Notwendigkeit nicht. Wenn man beim Anblick dieser Menschen ein schlechtes Gewissen bekommt, dann sollte man das Geld lieber sozialen Einrichtungen spenden, die sich um Obdachlose kümmern.

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Und jetzt ihr!