Verheerte (absichtlicher Verschreiber, der lustig sein soll) Leserinnen und Leser. Hier kommt eine Spielerezension. Also jedenfalls so etwas in der Art. Sie wird euch möglicherweise keine Kaufentscheidung erleichtern, denn ich habe beim Spielen keine Notizen gemacht und nicht immer aufgepasst. Ich habe mir die Namen wichtiger Protagonisten nicht gemerkt und war zu faul, sie nachzulesen. Bitte behaltet das im Kopf und lest nur auf eigenen Gefahr weiter. Herzlichen Dank. Die Autorin.

Ich habe mich einem Shooter zugewandt. Und zwar einem, der aus den Händen der Egoshooter-Pioniere von id-Software stammt: Rage. Das Setting klingt irgendwie reizvoll und GTA-mäßig rumrasen irgendwie spaßig. Gears of War 3 hat mich nicht sonderlich lange bei Laune gehalten und Deus Ex ging mir aus Gründen auf den Wecker. Nun also Rage. Selbstverständlich habe ich mich nicht mit solchen Kinkerlitzchen wie hohen Schwierigkeitsgraden belastet, das muss auch so. Warum ich trotzdem fortwährend in den Controller gebissen habe…

…kann ich euch sagen. Von Anfang an: Das sicher sehenswerte Intro habe ich leider nicht ganz sehen können, weil ich in Vorfreude auf selbiges den Controller aus der Hand lege, mich zurück lehne und mich dabei auf den Controller setze. Woraufhin die Intro-Sequenz abbricht.
Ich erwache also ohne lange Vorrede in einer (Space-)Arche aus meinem Kryoschlaf (hatte ich vielleicht hohe Schulden??) und stelle fest, dass meine Mitreisenden nach ein paar (hundert?) Jahren auch nicht mehr ganz frisch sind – dahingesiecht mithin. Ich dagegen scheine einigermaßen in Schuss – vermute ich zumindest, denn ich kann mich bewegen. Wie der optische Eindruck ist, lässt sich schwer sagen, weil selten jemand Spiegel in Egoshootern platziert.

Bier alle?Aus der Raumkapsel-Rettungsarchen-Blechbüchse geklettert werde ich wärmstens empfangen – leider sind die Salutschüsse schlecht gezielt, nämlich direkt auf mich. Netterweise kommt zufällig jemand vorbei und löst dieses Missverständnis mit Waffengewalt. Der freundliche Herr nimmt mich mit in sein Anwesen gleich um die Ecke. Ich erfahre, dass an solchen Archenheinis wie mir ein gewisses monetäres Interesse besteht – warum wird mir nicht ganz klar, könnte aber auch sein das ich nicht ordentlich zugehört habe. Was ich gerade noch mitbekam, bevor das Intro abbrach: Planet Erde hat Probleme mit Asteroiden oder sonstigen Umwelt-Gedöns und hat Menschen in kleinen Gruppen in Archen gestopft, um das Überleben zu sichern. Das klappte nur so mittelmäßig, es gibt viel Ausfälle und auf der Erde jede Menge Mutanten. Die lerne ich relativ schnell kennen, weil mein Retter mich mit einer Pistole vom Kaliber Not-So-Fucking-Big-Gun ins nächstgelegene Banditenlager schickt. Der Job ist eher fantasielos: So viele Banditen wie möglich, äh, wegputzen. Mit der NSFBG. Für die Fahrt zum Lager leiht mir mein Retter sein motorisiertes Dreirad. Ich dresche voller Begeisterung die Route nach, die auf dem Kompass angezeigt wird. Am Ziel halten mich irgendwelche Poller auf. Was soll das denn jetzt, sorgt sich hier jemand im Wasteland um die Sicherheit, gibt’s hier einen Banditenkindergarten, oder was? Jedenfalls muss ich wohl absteigen, kriege das aber grade nicht gebacken: Welche Taste noch gleich? Oder geht das hier doch noch motorisiert weiter? Ich vermute einfach zu renterreskes Fahren meinerseits, setze zurück, rase mit Vollgas auf den Poller zu und… sehe auf einmal ein Männlein schreiend durch die Luft fliegen. Mit viel Wohlwollen könnte man das so interpretieren, dass ich es an dieser Stelle schaffe, aus einem Egoshooter in die Third Person Perspektive zu wechseln. Ich habe diese Slapstick-Einlage sogar versehentlich überlebt und wandere nun zu Fuß ins Banditenlager.

RageIch muss alsbald feststellen, dass mich das WoW-spielen schwer verweichlicht hat. Ich kriege einen Herzkasper nach dem anderen, wenn einer der Banditen aus den Nichts heranstürmt. Vor lauter Schreck verballere ich Unmengen an kostbarer Munition. Die Banditen sind recht hartleibig in Sachen Pistolenfeuer – andererseits kann ich sie mit 5 Fausthieben ins Jenseits schicken. Was ich häufig tun muss, weil ich, ach, das sagte ich ja schon. Ein paar sind schwerhörig und lassen sich übertölpeln, die meisten muss ich allerdings mit Kamikaze-Einlagen angehen. Praktischerweise habe ich einen Defibrillator einstecken und kann mich im Notfall kurz elektroschocken. Den jweiligen Gegner setze ich dabei gleich mit unter Strom.

Man kann viele Dinge unterwegs einsammeln, die sich hinterher zu Geld machen lassen. Munition findet sich auch, aber für meinen Geschmack viel zu wenig. Zu den einsammelbaren Gegenständen gehören vor allem Flaschen. Banditen sind Biertrinker und lassen ihr Leergut überall rumstehen. Was einzustecken ist, wird eingesteckt. Da kenne ich nix. Ich habe nicht mitgezählt, aber vermutlich müsste ich 2-3 Kästen Leergut mit mir rumschleppen. Aber Realismus wird ja völlig überbewertet.

Leider weiß ich nicht, wie viele Banditen „so viele Banditen wie möglich“ sind. Solche unklaren Angaben machen Figuren im Spiel gerne, Programmierer haben aber sehr wohl eine Vorstellung davon, wie viele es sein müssen. Ich werde es nie erfahren, habe auch nicht mitgezählt, aber irgendwann waren es alle. An einer Zipline rutsche ich wieder Richtung Ausgangspunkt und kann mein Dreirad einsammeln. Solche Ziplines scheinen im Übrigen immer das Zeichen: Das wars, du hast es geschafft. Was sehr praktisch ist, weil es das Problem löst, dass man als Spieler in Levels sehr häufig sinnlos lange Wege hin- und wieder zurück läuft.

Wieder zurück bekomme ich eine (unwesentlich) bessere Waffe, Wingsticks zum lautlosen Ausschalten von Banditen, ein paar kleinere Aufträge, die ich prompt erledige und denke schon so bei mir, ich habs raus. Dann noch ein letzter Job für heute. Ich soll als Belohnung ein eigenes Fahrzeug bekommen. Vielleicht hätte ich mir denken können, dass ich dafür nicht nur Blumen pflücken muss. Aber gut, ich hatte gerade gedacht, ich bin eingespielt, das mach‘ ich mal eben noch fix.

Es gibt noch mehr mutierte Banditen (sie sehen ungesund aus. Alle.) und einige von ihnen betreiben eine Werkstatt. In dieser soll ich ein paar Ersatzteile besorgen, die man mir dann in eine derzeit nicht fahrtüchtige Rostlaube einbauen wolle, damit ich ein eigenes Gefährt bekomme. Also nochmal das Dreirad geliehen und auf zur Banditen-Werkstatt. Wieder hartleibiges Pack, einige tragen Helme und wieder andere warnen ihre Kumpels. Ab und zu schaffe ich es, mal einen lautlos per Wingstick zu eliminieren. Die Ersatzteile sind gut versteckt, aber ich finde sie natürlich. Nebenbei sammle ich Leergut und Krimskrams. Mit manchem Nippes lässt sich ein wenig Geld machen, habe ich immerhin gelernt. Und alle Barschaft bis auf den letzten Cent in Munition investiert. Ich bin ausgerüstet bis unter die Halskrause. Eat this, Level-Designer, mit mir nicht!

So langsam bin ich aber etwas entnervt. Die Werkstatt ist groß und noch immer fehlt mir ein Teil. Munitionsmäßig siehts aber dank meiner weisen Einkäufe ganz OK aus. Und die umgelegten Banditen werden natürlich gewissenhaft um Bargeld und Munition erleichtert. Die sind zwar nicht berauschend ausgerüstet, aber jede Kugel zählt. Die Banditen benehmen sich auch verbal ganz entzückend – Stichwort Übersetzung. Sie beschimpfen mich entweder, fluchen über Verletzungen (ich treffe ja manchmal) oder pöbeln einfach rum. Das ist durchaus mal komisch, vor allem aber immer passend. Sie halten keine langen Reden, aber auch kürzeste Schnipsel müssen glaubwürdig sein, sonst holperts. Aktuell holpere nur ich und zwar durch die Garage der Banditen. Als ich langsam denke, jetzt könnte aber mal Schluß sein, schlägt das Level-Design zu. Ich biege vorsichtig um eine Ecke, da fährt ein Pickup vor, stellt sich quer und ein Kugelhagel aus einem Maschinengewehr pfeift mir um die Ohren. Zeitgleich rennt ein Bandit nach dem anderen auf mich zu. Ich ballere was das Zeug hält (ja, ich versuche auch zu zielen), wechsle Schusswaffen wie Carrie Bradshaw ihre Blahniks und erreiche nichts. Ich erkenne zwar ein Muster: Der Chaingunner brüllt rum und schießt einige Salven; Banditen kommen immer einzelne, aber regelmäßig, hinter dem Pickup auf mich zu. Eine Leiste zeigt an, der Knilch auf dem Pickup ist ein Bossgegner, der sehr, sehr bissfest ist. Ich habe zwar etwas bessere Waffen, als zu Beginn, aber die erreichen den Chaingunner kaum. Außerdem sind da ja noch die Banditen-Wellen. Irgendwann habe ich fast alle Munition aller Waffen durch und meine 6 Handgranaten – die noch am meisten Eindruck zu machen scheinen – sind verbraucht.

Also gut: Taktik, Frau Hirsch! Ich muss den Chaingunner so schnell wie möglich erledigen. Wenn ich direkt mit den Granaten arbeite, wird’s wohl gehen. Leider habe ich mal wieder unklug abgespeichert und muss den letzten Abschnitt nochmal spielen, um mit genügend Ammo wieder beim Chaingunner zu landen. Fluchend gesagt, getan. Der Plan: Diesmal an der richtigen Stelle vorher abspeichern, reinstürzen, direkt auf den Pickup zurennen, eine Granate schmeißen. Gedacht, getan, nicht schlecht. Der Balken halbiert sich auf einen Schlag. Ich gewinne Zuversicht, diesmal klappt das. Leider war der viel versprechende Auftakt trügerisch. Ich komme aufgrund der anrollenden Gegnerwellen nicht mehr nah genug an den Chaingunner, meine weiteren Granaten verpuffen. Mittlerweile fluche ich lästerlich und teile meinen Frust via Chat mit einem Freund, der zeitgleich an einem anderen Ort in Deutschland FIFA 12 spielt. Während er Zwischenstände seines Spiels ManU vs. Chelsea durchgibt (läuft auch nicht so gut), kriege ich einen Wutanfall nach dem anderen.

Schließlich gebe ich auf. Google muss helfen. Wenn es ums zerplatzen nicht funktioniert sagt einem ein Videospiel normalerweise damit, du machst etwas falsch. Da das Spiel zu diesem Zeitpunkt frisch erschienen ist, finden sich noch nicht allzu viele solide Walktroughs. Fündig werde ich dann aber doch bei IGN. Was ich da lese lässt mich gleich den nächsten Wutanfall kriegen. Die Lösung: An einem Pfeiler genau in der Schusslinie des Chaingunners hängt ein kleiner Kasten, in dessen Inneren ein Hebel umzulegen ist. Der setzt dann eine Gasdruckpatrone an der Decke (!) in Bewegung, die an einer Schiene rundläuft (!) und auf ihrem Rundweg zufällig (!) den Chaingunner passiert. Auf diese Patrone muss man im richtigen Moment schießen. Ich kann es nicht fassen. Was macht eine Gaspatrone an der Decke? Betreiben die damit ihre Kaffeemaschine? Und warum rotiert die auf einer Schienenbahn? Wenn ich jemals den Verantwortlichen für diese Lösung erwische, werden ich ihn mit einem staubig-feuchten Putzlappen aus dem Raum feudeln.

Um es kurz zu machen: Ich hab die Sch*-Patrone nicht getroffen. Ich hatte aber Glück und war einfach einmal mehr als zuvor nah genug am Chaingunner dran, um ihn dann doch mit einer Granate zum schweigen zu bringen. Das habe ich allerdings erst erfasst, als ich mir mein Spielvideo angesehen habe. Ich habe nämlich das iPhone mitlaufen lassen. Ein erschütterndes Zeugnis von Zielgenauigkeit…

Ich bin danach sehr erschöpft gewesen. Und habe bereits wieder den nächsten Höllenauftrag an der Backe. Diesmal schießt man mit RPGs auf mich. Toll. Danke id-Software. Rage und ich werden vielleicht noch ein bisschen Freunde. Ab und zu hatte ich mit und in Rage einen Heidenspaß. Ehrlich!

Meine finale Bewertung in Prozent: Ich-finds-gut-auch-wenn-man-das-hier-vielleicht-nicht-so-merkt,3 %
So teste ich: Auf der Couch
Hardware: Xbox360 slim. Und Controller.

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6 Gedanken zu „Rage: Kein Spiegelbild im Egoshooter

  • Oktober 20, 2011 um 2:54 pm
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    Einen Shooter mit Gamecontroller! Wie kann man nur? Da würde ich auch nix treffen! Das ist wie Bildhauerei per Vorschlaghammer! 😀
    Für jede Aufgabe gibt es das richtige Werkzeug. In diesem Fall wären das Maus+Tastatur…

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  • Oktober 20, 2011 um 4:49 pm
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    Meine Rede: Shooter sind an der Konsole unspielbar. Es regte sich bei dieser These aber vielfach Widerspruch 😉

    Antworten
  • Oktober 22, 2011 um 2:12 pm
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    Wenn die Spielerin nicht trifft, ist das Gamepad schuld. Jaja.

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  • Oktober 23, 2011 um 8:44 pm
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    Du spielst wie ein Mädchen 🙂
    Shooter mit Maus und Tasta? Pfff… Point&Click für Grobmotoriker 😉

    Aber herrlich geschrieben-thx!

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Und jetzt ihr!