Jede Zeit und jede Jugend hat ihre bestimmende Subkultur. Vielleicht sind vor allem die Jugendkulturen heute zersplitterter oder es gibt viel mehr Subkulturen oder meine Wahrnehmung täuscht. Oder oder. In den 80ern & 90ern waren jedenfalls bei mir die Skater die sichtbarste Jugendkultur. Gerade startet in den USA der Film Mid90s dazu – das Regiedebut von Jonah Hill (Money Ball, Wolf of Wallstreet, War Dogs).

Gerade gab’s ein hörenswertes Interview mit Jonah bei NPR Fresh Air, einer wöchentlichen Kultursendung im US-Radio (gibt’s auch als Podcast hier). Reinhören in dieses Interview könnt ihr hier. Ich möchte Interview und Film zum Anlass für eine neue Gedankensprünge-Folge nehmen. Es ist die Zeit, in der ich groß wurde und eben eine sehr bestimmende Kultur. Auch, oder gerade, weil ich nicht direkt Teil davon war.

Im Film Mid 90s geht es um eine Gruppe junger Skateboarder in L.A. Jonah selbst erzählt, dass skaten in den 90ern ein wichtiger Teil seines Lebens war. Wie er sich damals gefühlt hat, was ihm die Community und das skaten gab, bringt Mid 90s fiktional ins Kino. Das Drehbuch brauchte gut 3 Jahre und bestimmt 20 Versionen, wie er erzählt. Es ist keine Doku, aber es sollte authentisch sein. Subkulturen wie diese ohne Klischees auf die Leinwand zu bringen, ist nicht so leicht.

„Skateboarding gab mir das erste Mal das Gefühl einer Gemeinschaft, außerhalb meines Zuhauses“.

Jonah Hill bei NPR Fresh Air, 30. Oktober 2018

Die Skateboard-Community habe ihn geprägt: seinen Musikgeschmack, seinen Klamottenstil, den Umgang mit Autoritäten, ein Gefühl von Nähe definiert. Er selbst sei leider immer eher schrecklich als Skater gewesen, erzählt er. Er habe immer gut sein wollen und noch heute würde er viele Erfolge dafür eintauschen. Aber mit 20 Jahren Abstand sieht Jonah Hill auch viele Dinge, die in dieser Community weniger gut waren: Die Art, wie man miteinander geredet habe, eine Tendenz zur Homophobie und toxischer Maskulinität.

An dieser Stelle habe ich aufgehorcht. Denn tatsächlich hat auch mich ein gutes Stück die Musik der Szene und auch der Kleidungsstil beeinflusst. Aber in den 80er und 90ern war Skateboarding nicht nur eine Sub- sondern auch eine praktisch rein-männliche Jugendkultur. Wie die meisten Subkulturen beansprucht auch die Skateborading-Community eine gewisse Exklusivität für sich. Ähnliches kann man auch in der Gaming-Community oder bei den Ultras beobachten. Letztere beiden übrigens ebenfalls eher männlich dominiert, auch wenn sich das gerade ändert oder bereits geändert hat.

Noch heute tut sich die Skateboard-Community jedenfalls sehr schwer mit etablierten Strukturen. Jahrzehntelange vor allem Außenseiter-Subkultur zu sein oder zumindest so wahrgenommen zu werden, verträgt sich nicht so gut mit sowas wie Vereinsstrukturen. In Frankfurt haben einige Skater allerdings in den letzten Jahren einen Verein gegründet, um so etwas wie den Hafenpark zu realisieren und eben nicht mehr illegale Spots nutzen zu müssen. Absurderweise kämpfen sie nun genau dort um ihren Platz…

Auch bei uns gab es einen kleinen Skatepark, direkt vor dem örtlichen Jugendzentrum. Ich habe um den immer einen großen Bogen gemacht. Nicht, weil ich skaten oder die Skater blöd fand, im Gegenteil. Aber genau diese „toxische Maskulinität“ von der Jonah spricht, kroch den Park-Nutzern aus allen Poren, spürbar noch mehrere Straßen weiter. Natürlich ist aus heutiger Sicht vieles auch pubertäres Gehabe, aber mit 14 oder 15 ist es einem eben nicht egal. In keiner Phase des Lebens sind Jugendliche gleichzeitig selbst ungeheuer verletzlich und gegenüber anderen so unerbittlich-grausam. In dieser Phase tut man – bewusst oder unbewusst – vieles, um akzeptiert zu werden. Alternativen bleiben kaum. Ist man chancenlos, aus welchen Gründen auch immer, leidet man. Oder man findet seine eigene Subkultur oder Community von Gleichgesinnten.  Das habe ich letztlich auch gefunden, aber bis heute macht es mich wütend. Allgemein macht mich dumme Ungerechtigkeit wütend und ich bin sehr nachtragend 😉 Naja, netter ausgedrückt ist es wohl einfach auch so, dass ich wenn ich mich mal an Themen festgebissen habe, sie immer wieder aufnehmen kann. Schwups, da isses wieder!

Aus: https://www.urbandictionary.com/

Die gleiche Musik zu hören war aus Sicht der Skater übrigens okay. Das Tragen bestimmter Labels war graduell auch okay. Es hing davon ab, wie stark die Klamotte gefühlt nur von Skatern getragen wurden. Vans ging noch, Bones nicht. Ich war immer sehr vorsichtig, denn nichts war schlimmer, als von einer Horde langhaariger Skater nicht nur (wie üblich) mit ausdruckslosem Gesicht von oben bis unten gemustert zu werden, sondern auch noch bepöbelt zu werden.

Ich war einmal mit einer engen Freundin in einen Skateboardshop namens Cadillac Ranch einkaufen – einem Laden, den Böhse Onkelz-Mann Stephan Weidnern in den 90er aufgemacht hatte. Letzteres wusste ich übrigens nicht mal mehr – ich fand das gerade in diesem taz-Artikel, dem Internet seinem Gedächtnis und dem gut gepflegten taz-Archiv sei dank. In diesen Shop wäre ich schon mal alleine nie reingegangen – der war für 15-jährige Mädchen ungefähr so einladend wie ein Hells Angels-Kriegsrat. Sie hat sich jedenfalls nach langem Zögern ob der Mobbing-Gefahr für eine Bones-Jacke entschieden. Ich war so gemein, sie ein bisschen zu überreden. Der Verkäufer wirkte beim Bezahlen, als hätte er instant ein ungeheuer schmerzhaftes Magengeschwür entwickelt. Der nächste Morgen am Bahnhof war ein Alptraum: Die anwesenden Skater haben die Arme filetiert. Das Ende vom Lied war: die Freundin fror den Rest des Tages und brachte die Jacke zurück.

So waren sie, die Skater. War man allerdings Teil der Gruppe, war man Teil eine Gemeinschaft, die füreinander da war. Als Junge: Kein Ding. Als Mädchen war man „Betty“. Man konnte sich „bestenfalls“ den Status als (gutaussehende) Begleitung erarbeiten. In meinem erweiterten Freundinnen- & Bekanntenkreis gab es genau eine Skaterin. Die nannten die anderen Skater „Skate-Betty“. Sie fuhr offenbar akzeptabel genug, um sich Respekt zu verschaffen, wo immer sie das gelernt hatte. Skateboardfahren ist halt auch nichts, was man über Nacht lernt oder einem geduldig die Eltern beibringen wie das Radfahren. Als mein Bruder eines bekam, habe ich es natürlich zu Hause vor der Tür auf der Straße ausprobiert. Aber für mehr muss man sich dann dummerweise weiter in die Öffentlichkeit wagen. Heute ist das schon etwas anders, aber damals musste man sich das notgedrungen selbst beibringen. Nur: Wo? Als einziges Mädchen am Skatepark? Klar. Nicht.

Mehr Ablehnung ging kaum, aus meiner Sicht damals. Heute machen Menschen wie er hier das wieder ein bisschen gut 😉 Skaten ist natürlich nicht nur eine Jugend- und Subkultur, es ist auch Sport. Sportliche Aktionen kann man Menschen erklären, man kann sie lernen und man muss üben, wenn man gut sein will. Das ist beim Skaten nicht viel anders als beim  Tischtennis. Trotzdem hat das Skaten eine gewisse eigene Haltung, die es von anderen Sportarten oder Tätigkeiten unterscheidet. Sowas in irgendwelchen Kursen gezielt zu lernen gilt vielen immer noch als uncool. Ich finde diese Haltung ja eher dumm, aber wer sich lieber selbst ausprobieren will, auch okay. Skateboarden definiert sich nun mal aus – zumindest einigen – nachvollziehbaren Gründen als Außenseiter-Community. Heute gibt es aber auch unendlich großartige Initiativen wie Skateistan. Und die fördern gerade auch Mädchen.

Mir ist natürlich auch heute nicht grundsätzlich egal, ob ich mich irgendwo doof anstelle. Lieber kann ich auch gleich alles super-toll –  was niemand kann. Aber ich fahre inzwischen immerhin Longboard. Und auch, wenn das noch immer mehr schlecht als recht ist: Wurscht. Das läuft heute bei mir unter ich-mache-das-jetzt. Die Vision von mir in der Halfpipe habe ich nicht unbedingt und im Grunde finde ich entspanntes Cruisen auch besser, als meine Knochen auf Betontreppen und Eisengeländern zu riskieren. Und inzwischen findet man auch genug Skater, die auch Leuten wie mir geduldig 100 Mal hintereinander den gleichen Scheiß erklären. Die 90er sind zum Glück vorbei. Wer meint, er müsse sich selbst 100 Mal auf die Fresse legen, bevor er einfach einmal fragt, wie das eigentlich gehen soll, bitte sehr. Es spricht aber eben nichts dagegen, sich Menschen zu suchen, die einem was beibringen können – und wollen. Manche können  sowas gut. Ich bin jetzt 2 x mit Frankfurter Longboardern üben gewesen und am liebsten würde ich das einmal die Woche machen. Aber jetzt ist ja erst mal Winter und das Snowboard ruft.

Und sonst? Mehr Initiativen für Frauen auf Boards, safe spaces für Mädels auf dem Board. Noch immer sind es mehr Jungs und Männer. Und ich glaube nicht, dass Skaten Mädchen kein bisschen interessiert. DAS war noch nie so…


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Skate or die
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Ein Gedanke zu „Skate or die

  • November 12, 2018 um 10:44 pm
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    Den Film würde ich gerne sehen… Das weckt Erinnerungen an meine auch nicht so pralle Skaterei in den Neunzigern. Aber dann kamen die Rollerblades und auf meinem Snakeboard habe ich mich vor meinen Jungs vor zwei Jahren so schlimm zerlegt, dass ich mich mit total zerstörtem Knie blutend nach Hause schleppen musste. Okay, es war nur eine große Schürfwunde…

    Mädels gab es damals wirklich nicht auf einem Skateboard zu sehen. Das hat sich zum Glück mit dem Aufkommen von Long- und Pennyboards geändert. Und ab und zu sieht man sogar ein Mädchen auf einem Skateboard. Es wird!

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