By: James Cridland

Juhu, eine Liste! Ein Ranking, gar! Habe ich noch nie gemacht, aber jetzt passt das formal am besten zu dem, worüber ich schreiben möchte. Ihr kennt das sicher: Szenen aus Büchern, Filmen, Spielen oder was auch immer, die man einfach nicht vergisst. Das können skurrile Szenen sein, irgendwelche Sprüche, besonders brutale Momente oder einfach nur ein Satz. All diese Momente oder Szenen bewahre ich in so einer Art innerem Setzkasten auf und gelegentlich schaue ich mir die Sachen darin an.

Letztlich sagen die Momente, die wir da sammeln, eine Menge über uns selbst aus. Weil sie eben etwas angerührt haben. Nachdem ich mich gerade über eine Szene aus dem Buch „Fegefeuer der Eitelkeiten“ unterhalten haben, fiel mir auf: Da gibts noch mehr mental gesammelten Kram. Bitte sehr:

(1) Der „Pimp Roll“ aus Fegefeuer der Eitelkeiten

Fegefeuer der Eitelkeiten gilt das das wichtigste Werk von Tom Wolfe, aber ich wusste gar nichts darüber, als ich es in die Finger bekam. Irgendwann, kurz nach dem Abi: Ich war das erste Mal in New York City, zusammen mit meiner Mutter. Wir besuchten einen britisch-stämmigen Bekannten und der drückte mir diesen Wälzer in die Hand: Es sei DAS Buch, was ihn am meisten über die amerikanische Gesellschaft und vor allem über New York, beigebracht hätte. Ein reicher Banker verirrt sich samt Geliebter in die Bronx, verursacht einen Unfall, bei dem ein junger Schwarzer schwer verletzt wird, und begeht Fahrerflucht. Als er ermittelt wird, stürzen sich verschiedenen Figuren auf den Fall, die alle eine eigene Agenda verfolgen: ein abgehalfterter Journalist sucht die Top-Story, ein ehrgeiziger Staatsanwalt den Fall seines Lebens, und ein manipulativer Prediger will sich als Bürgerrechtler unsterblich machen. Vor Gericht brauchen die Ankläger Zeugen, die den Banker belasten. Dafür braucht es aber die „richtigen“ Zeugen und klein-kriminelle jugendliche Schulabbrecher sind so ziemlich das Gegenteil davon. Aus diesem Milieu stammt aber das im Koma liegende Opfer und auch sein Freund, der als Zeuge aussagen soll. Die Ankläger stilisieren das Opfer zum Musterschüler hoch und seine Freunde sollen das stützen. Für die Aussage stecken sie einen jungen schwarzen Zeugen in die passenden Klamotten: Raus aus Baggy-Pants und Hoodie und rein in den braven Rollkragenpulli. Es bleibt aber ein Problem bei dieser Inszenierung und zwar der erwähnte „Pimp Roll“. Gemeint ist die leicht wiegende Art, in der sich die Hiphop-liebenden OGs bewegen und den sowohl Künstler als auch davon faszinierte Kids drauf haben. Bestes Beispiel: Mobb Deep. Trotz braven Rollkragen-Look bewegt sich der wichtige Zeuge halt immer noch wie ein Pimp. Man muss dazu wissen, dass das NY der 80er auf der einen Seite bestimmt war von Wall Street-Erfolgsmeldungen und reichen Brokern, auf der anderen Seite aber auch von Rassismus und Kriminalität. Die Bronx war noch in den 90ern eine No Go-Area für Weiße und ein Ghetto für Schwarze. Im Buch löst der findige Staatsanwalt das Problem mit seinem unpassenden Hauptzeugen so: Bevor dieser in den Gerichtssaal läuft, gibt er ihm einen leichten Schubser, die ihn aus dem Gleichgewicht bringt. Bis er sich wieder sortiert hat, läuft er die paar Schritte zum Zeugenstand deswegen ganz „normal“. Voila: 1a-Vorzeige-Musterzeuge, nix Gangster. Ich fand das Buch und besonders diese Szene unglaublich gut erzählt und unglaublich eindringlich. Zum einen mochte ich den Hipohop der 90er, aber ich war (wie viele andere deutsche Fans) null Zielgruppe. Es gab keinerlei kulturelle Verbindung zwischen unserem Aufwachsen und dem von jungen Schwarzen in New York oder anderswo. Dieser wiegende Gang fiel allerdings auf, wenn auch unterbewusst. Einige Freunde gründeten selbst ein kleines Hiphop-Kollektiv und nannten sich sinnigerweise „Positive“ – natürlich möglichst in breitem US-englisch ausgesprochen. Sie waren allerdings klug genug, über eigene Erfahrungen zu rappen und die war nun mal eher bürgerliche Mittelklasse plus Gymnasium. Den wiegenden Gang, die Art sich zu bewegen oder zu performen, haben sie aber unbewusst schon nachgeahmt. Das ich dafür nun einen Begriff gefunden hatte, fand ich einfach extrem spannend. Deswegen ist mir dieser Moment so in Erinnerung geblieben. Das Buch ist in englisch übrigens recht anstrengend, weil es den Slang der verschiedenen Klassen und Subkulturen aufgreift. Mit Schul-Englisch kommt man da nicht weit. Trotzdem macht die Sprache natürlich einen beträchtlichen Teil der Geschichte aus, man sollte sich also daran versuchen. Der Film kommt da nicht dran, ich empfehle dringen, das Buch zu lesen – und wenn es in deutsch ist.

(2) Das Tagebuch aus Tom & Jerry

Kurzer Sprung zurück in die Kindheit. Die eine mit 3 Programmen war. Die Serie lief bis Ende der 80er im ZDF und war eigentlich ein Zusammenschnitt aus der ursprünglichen Cartoonserie. In Erinnerung geblieben sind mir nicht einzelne Episoden, sondern vielmehr die Szenen dazwischen. Die „Rahmenhandlung“ war ja, dass Tom das Tagebuch von Jerry findet und liest. Bekanntlich überlebt die Maus grundsätzlich alle Attacken und der Kater endet meist als mehr oder weniger kläglich gescheitert. Daher machen ihnen die Tagebucheinträge nicht besonders fröhlich. Nach jeder Episode blättert er zorniger im Tagebuch und es endet damit, dass er es zerreißt. Das markierte auch das Ende dieser Folge und für mich als Kind deswegen besonders schrecklich. Ich hätte am liebsten gefühlt noch 700 weitere Episoden angesehen. Jedes Mal, wenn das Buch heil blieb, atmete ich auf: Puh, zum Glück noch nicht vorbei. In der deutschen Fassung sang Udo Jürgens „Vielen Dank für die Blumen“ – für mich untrennbar mit der Serie verbunden. Der deutsche Off-Kommentar war zudem auch noch gereimt – das war durchaus liebevoll gemacht. Für meine Mutter war die Serie grenzwertig. Sie ließ uns zwar gucken, fand die Episoden stellenweise „zu brutal“. Ich kommentiere das jetzt einfach mal nicht 😉

(3) Der Busfahrer aus ZakMcKracken

Dieser blöde Sack. Wie lange ich versucht habe, in diesen dämlichen Bus zu kommen, ich weiß es nicht. Heute würde ich das Spiel nach 3 Versuchen in die Ecke knallen, aber mit 13 hat man unendliche Geduld. Und kaum eine Wahl – man konnte das Internet noch nicht so einfach fragen. Meine damals beste Freundin sagte kopfschüttelnd, als sie mich da rumprobieren sah: „Ich begreife nicht, wie man mit so einem Scheiß seine Zeit verbringen kann„. Als ich eben noch mal nachgelesen habe, was das Problem war und wie man es lösen sollte, schien die Antwort so simpel: Wecke den Busfahrer mit der Tröte. Ich könnte schwören, dass mich der Busfahrer mehrfach immer nur beschimpft hat und ohne mich losfuhr. Aber vielleicht verwechsle ich da auch was. Ist ja schon, äh, eine Weile her.

(4) Lebendig begraben: Beatrix Kiddo in Kill Bill 2

Ich gestehe, ich hatte mit Tarantinos ersten Filmen meine Schwierigkeiten. Ich konnte mit Pulp Fiction nichts anfangen und Kill Bill hat mich gleichermaßen angezogen wie abgestoßen. Inzwischen würde ich sagen, mir ging teilweise der Referenzrahmen ab – viele Referenzen & Anspielungen habe ich einfach nicht kapiert. Vor allem die Gewalt in Kill Bill fand ich anstrengend. Klar ist vieles mit Absicht überzogen und damit dann auch einzuordnen. Aber manchmal ist der Grat sehr schmal. Vor allem die Szene in Kill Bil – Volume 2, in der Uma Thurman, alias Beatrix Kiddo, lebendig begraben wird. Die ist so furchtbar klaustrophobisch, dass sie mir nie mehr aus dem Kopf ging.

(5) Der Hase aus Donnie Darko

Donnie Darko ist ein seltsamer Film. Seltsam und faszinierend. In Deutschland lief er nicht mal im Kino, sondern erschien nur auf DVD. Die Hauptfigur, der 16-jährige Donnie, hat was am Sträußchen und sieht ständig einen imaginären Hasen. Natürlich keinen niedlichen, sondern eher Darth Vader, verkleidet als Hase. Es hat bestimmt ein Jahr gedauert, bis ich nachts wieder aufs Klo gehen konnte, ohne das Licht anzumachen. Ich habe einfach in jeder Ecke diesen furchtbaren, riesigen Hasen gesehen, mit der merkwürdigen Maske. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Außer: Ich bin gar nicht soo ängstlich, echt!

 

 

Top 5: Unvergessliche Szenen
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8 Gedanken zu „Top 5: Unvergessliche Szenen

  • Dezember 17, 2015 um 3:07 pm
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    Zak McKracken! <3 Ich LIEBE dieses Spiel und könnte ohne Probleme eine Top 5 meiner Lieblingsmomente allein aus diesem wunderbar durchgeknallten Adventure machen.

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    • Dezember 17, 2015 um 3:39 pm
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      Ja, es war toll! Und das erste Spiel, für das ich einen Walkthrough benutzt habe. Ausgedruckt auf einem 9-Nadeldrucker.

  • Dezember 17, 2015 um 4:48 pm
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    Wir (Freund mit dem ich es gespielt habe) hatten eine von einem Klassenkameraden auf beiden Seiten handgeschriebene Komplettlösung auf 7 DIN-A4 Blättern. Am besten war ein Satz irgendwo in der Mitte, der da lautete „Achja, unbedingt an das Zwischenspeichern denken, Stromausfälle können ziemlich ärgerlich sein.“ – Wir haben darüber sehr oft sehr lange gelacht 🙂

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    • Dezember 17, 2015 um 9:32 pm
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      Jaaa, das mit dem Speichern 😉 Ich hatte eigentlich bis dahin nur Spiele, bei denen man gar nicht speichern konnte. Tetirs auf dem Gameboy zum Beispiel. Ich hab‘ also einfach immer weiter gespielt, ohne zu speichern. Ich kam gar nicht auf die Idee, dass das Spiel natürlich so nicht funktioniert. Grandioses blöd, aber leider die Wahrheit 😉

  • Dezember 21, 2015 um 2:20 am
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    Hi Valentina,

    ich schreib’s hier einfach mal hin. Mein Blog heißt mittlerweile nicht mehr plassmag, sondern spielejournalist.de und ist ebenda zu erreichen. Vielleicht kannst du das ja im Blogroll ändern.

    Vielen Dank und lieber Gruß,
    Benedikt

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  • Dezember 22, 2015 um 12:51 pm
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    Kill Bill Volume 2 habe ich nicht gesehen. Es hat mich gerade allerdings an eine Szene aus GTA San Andreas erinnert in der man den Vorarbeiter einer Baustelle mitsamt Dixie-Klo lebendig begraben muss, weil dieser meiner Schwester obszöne Dinge hinterher gerufen hatte. Die Szene hat mich damals ziemlich lange beschäftigt, da ich sie als unfassbar grausam empfunden habe.

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    • Dezember 22, 2015 um 2:54 pm
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      Krass, daran kann ich mich gar nicht erinnern. Ich lese gerade die Buchvorlage für Der Pate, da hat man irgendwie auch ständig so ein GTA-Deja Vu.

Und jetzt ihr!