Trotz fotorealistischer Grafik und allem möglichen Highend-Gedöns wie Motion Capturing, vor der Konsole herrscht streng genommen Steinzeit. Will sagen: Controller ist (fast) alles. Bei Videospielen geht’s eben meistens darum, im richtigen Moment die richtigen Knöpfe zu drücken. Sonys Playstation 3 Controller ist besitzt zwar einen Bewegungssensor, er wird aber nur in einigen Spielen eingesetzt. Der Controller ist primär für das gute alte Knöpfchendrücken gedacht. Erfolgreichstes Beispiel ist sicher die Wii, die voll auf bewegungsgesteurte Spiele setzt. Aber auch die Wiimote ist ein Controller. Der nächste Schritt soll sein, gar keinen Controller mehr zu benötigen. „Project Natal“ ist der Codename für ein Spielkonzept, das Microsoft entwickelt. Vor zwei Wochen hatte ich Gelegenheit, Natal selbst auszuprobieren. „Hand anlegen“ würde man vielleicht sagen, aber das triffts natürlich nicht.

München, 3. Stock einer Altbau-Wohnung: Hierher lud Microsoft Anfang Mai die deutsche Fachpresse zum Probespielen. Bisher wurde das System nur auf der amerikanischen Spielemesse E3 letztes Jahr vorgestellt und in kleinen Fachpresse-Kreis vorgeführt. Nun durfte in München, wo auch die deutsche Zentrale von Microsoft sitzt, erstmals ausführlich ausprobiert werden.
Project Natal“ besteht hauptsächlich aus einer speziellen Kamera, deren Sensoren räumliche Tiefe erkennen können, außerdem Gesicht, Stimme und Gesten. Der Codename „Project Natal“ erklärt sich aus Microsofts Angewohnheit, Städte als Codenamen einzusetzen. Laut Microsoft wählte diesen Codenamen Projekt-Entwickler Alex Kipman – Natal ist seine Heimatstadt, an der brasilianischen Nordostküste. Da passte es ganz gut ins Konzept, dass Natal auf Latein „Geburt“ bedeutet: Man fand, es passe zu den Möglichkeiten der Technologie, die derzeit gerade in den Geburtswehen steckt, um bei diesem Bild zu bleiben. Der Prototyp, der in München auszuprobieren war, funktioniert aber bereits sehr gut. Trotzdem wollte Microsoft lieber keine Detailaufnahmen von unfertiger Hard- und Software. Filmen war daher nur unter Auflagen erlaubt. Da haben sich allerdings nicht alle dran gehalten und promt passierte, was Microsoft gefürchtet hatte. Auf diversen Newsseiten tauchten Bilder der Kamera auf.

Die Spieler vor der Konsole durften wir zeigen und auch selbst spielen. Wer mit Videospielen vor allem Fingerakrobatik auf abschreckenden Controllern verbindet, hat hier definitiv ein Aha-Erlebnis. Techies wollen natürlich immer ganz genau wissen, wie das funktioniert und was unter der Haube der schmalen, weißen Kamera steckt. Soviel dazu von Anouska Ruane (Xbox):
“Das ganze wird möglich durch einen Kamera-Sensor, der wiederum mit einer Reihe von Komponenten plus eigens entwickelte Software arbeitet. All das ermöglicht die Erkennung von Bewegung, Stimme und Gesicht. Damit wird der ganze Körper zum Steuerungsinstrument für Spiele und Unterhaltung.”

Die Technologie erkennt auch, wenn aus einem Zuschauer ein Mitspieler wird.
Ohne nennenswerte Verzögerung kann jemand ins Spiel einsteigen. Zunächst wird eine weitere Position auf dem Bildschirm als „Spectator“, also Zuschauer angezeigt. Bleibt er, ändert sich die Anzeige in „Player“ und es kann losgehen. Beim gezeigten Spiel treten und werfen die Spieler Bälle auf Kisten, um sie zu zerbrechen. Richtig spannend könnte werden, was derzeit noch nicht gezeigt wird:

Anouska Ruane (Xbox):

„Wirklich aufregend ist, dass durch den Einsatz deines ganzen Körpers das Potential für Entwickler fast unendlich hoch ist, Spiele zu entwickeln, die sich ganz natürlich anfühlen. Wir arbeiten an den Spielen zum Erscheinen von Natal und ich denke, durch den Einsatz deines Körpers und natürlicher Bewegungen, haben die Entwickler wirklich viele Möglichkeiten.“

Wie das aussehen soll, zeigt Microsoft in einem Werbe-Clip: Spieler montieren Reifen beim Boxenstop mit wilden Gesten, ein kleiner Junge spielt Godzilla im Wohnzimmer und die Damen probieren Klamotten an. Ein Abbild der Spieler wird jeweils auf dem Monitor angezeigt, der Rest macht Natal. So stapft der kleine jungen auf dem Monitor als buntes Monster durch eine virtuelle Stadt und die spielenden Damen sehen, ob die ausgewählte Klamotte passt. Selbst ein simples Rennspiel bekommt einen ganz neuen Kick. Das Video könnt ihr auf dieser Seite ansehen, falls ihr es noch nicht kennt. Hält der Clip, was er verspricht, könnte Natal der Durchbruch für eine Mensch-Maschine-Interaktion werden, die lange nur Science Fiction war.

Steuerung mit einigermaßen natürlichen Gesten ist bekanntlich auch bei der Konkurrenz angekommen. Sony stellte im März auf der Game Developers Event den bewegungsempfindlichen Controller namens Move vor. Hier gibts unseren Bericht zu neuen Technologien auf der GDC, mit Bildern von Move. Allerdings braucht es hier eben noch einen Controller.
Mancher Experte sah daher Natal als das Maß aller Dinge. Der bekannte US-Analyst Michael Pachter sagte meinem Kollegen Andreas: “Ich denke Natal ist eine vollwertige Benutzer-Schnittstelle. Du kannst in den Raum kommen und deine Xbox sagt, hey, wie wärs mit einem Spiel; weil erkannt wird, dass du gerade reingekommen bist. Die Idee, Menüs mit Gesten zu steuern, ist ziemlich schlagkräftig.”
Seine Frau gucke beispielsweise gerne Filme über die Xbox. Aber der Controller mache sie wahnsinnig. Ständig komme sie unbeabsichtig an die Schultertasten und dann spult der Film zurück.

Im Klartext: Spielen ist nur eine Einsatzmöglichkeit für Natal. Letztlich lassen sich alle möglichen Anwendungen mit Gesten steuern. Spielen ist aber schon mal ein guter Anfang…

Geplant ist das Erscheinen noch vor Weihnachten. Dann wird vermutlich der Codename „Project Natal“ durch etwas Griffiges ersetzt sein. Wie auch immer es heißen wird: Das ganze hat sich für mich jetzt schon extrem präzise angefühlt. Zwar war das Spiel, das ich ausprobieren durfte, das gleiche wie letztes Jahr bei der E3-Pressekonferenz. Aber egal wie lange man an diesem Spielchen schon rumschraubt: Aktuell funktioniert es hervorrganed. Das Lineup wird vermutlich auf der E3 verkündet werden, ebenso wie Preise und genauer Launch-Termin. was an Spielen so kommt, das wird wohl der eigentliche Knackpunkt.

Den Beitrag zu diesem Artikel könnt ihr am Sonntag bei neues sehen. Einfach um 16:30 Uhr die Glotze anschalten oder im Netz gucken.

Weg mit dem Controller: Project Natal
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