Greifen-Air
Liebes Tagebuch,

ich habe lange nichts mehr geschrieben, ich weiß!
Irgendwie schienen im virtuellen Leben alle Geschichten erzählt, keine neuen in Sicht. Ja aber! Dann veröffentlicht Blizzard eine neue Erweiterung für Azeroth und schwups: keine Zeit mehr für den sonntäglichen Tatort oder die nächste Folge von Orange Is The New Black. Und The Walking Dead muss in der 5. Staffel auch erst mal nachlegen. Eine WoW-Erweiterung ist, als würde New York einfach ein neues Stück an Hipstertown Brooklyn dranpappen und man hätte auf einmal wieder bezahlbaren Wohnraum und haufenweise neue, schicke, Vintage-gestylte Cafés mit WLAN, um Laptop-Aufkleber zur Schau zu stellen. Naja, mit weniger Geruckel als in Azeroth, aber Übertreibung verdeutlicht bekanntlich. Jedenfalls ist Azeroth um ein paar Landstriche – zusammengefasst unter dem Namen Draenor – reicher. Zeit, endlich weiter an der virtuellen Weltherrschaft zu arbeiten. Here we go!

So gerne ich dieses Spiel mag, ich lese Vorankündigungen generell nur flüchtig und die einschlägigen Websites, die diese Ankündigungen um viele ergänzende Zeilen plus weltweit zusammengeklaubte Newsschnipsel erweitern, noch viel flüchtiger. Ich fange einfach an zu spielen und lasse mich überraschen. Also los, Donnerstagabend, 13. November. Das Intro startet gewohnt pompös vertont und orchestriert. Diverse Herren mit fulminantem Unterbiss scharren sich um einen Pott mit grellgrün leuchtendem Getränk. Der eine bietet dem anderen einen Becher an und vermutlich geht es darum, die Seele des Zwölft- oder Drölftgeborenen zu verschreiben. Ich würde dazu noch einen Strohhalm anbieten, weil es gebisstechnisch schwierig aussieht, ohne Hilfsmittel nicht den Großteil zu verschütten. Auf einmal will das eine Riesen-Gebiss doch nicht mehr trinken und es gibt einen Riesen-Streit und ich weiß erst mal auch nicht, ob das jetzt Orks, Uruk-hai oder Oger sind. Wobei. Letztere haben zwei Köpfe und null Hirn. Das kann man sich merken. Inzwischen weiß ich, es sind Orks und die wirklich komplette Warcraft-Geschichte mit ihren Millionen Kapiteln könnt ihr hier genauer nachlesen.

Azeroth mit Rush Hour
Nach dem vielversprechenden Intro-Auftakt geht erst mal gar nichts: Mehrere vergebliche Login-Versuche legen den Schluss nahe, die Bude ist bumsvoll. Dann geht es endlich und ich schicke Magiern Nusspli ins Rennen. Oder vielmehr, ins Geruckel. Der erste Quest heißt „das dunkle Portal“ und in der Beschreibung steht, die „Sicherheit sei nicht gewährleistet“. Den Questgeber überhaupt zu erreichen ist schon nicht ganz leicht, wegen des riesigen Lags. Da klebt Magierin Nusspli mit dem rundlichen Gnomen-Bäuchlein an einer Wand irgendwo im Abseits, weil erst nach gefühlten Minuten eine Richtungsänderung sichtbar wird. Aber nun, früher musste man bei Quake oder Counterstrike auch immer 5 Meter vor die Figuren schießen, um sie zu treffen. Früher: Wir hatten ja nix!
Es dauert jedenfalls, bis ich vor dem Rocksaum des Questgebers lande, während um mich herum eine mittelgroße Schlägerei im Gange ist. Im Quest-Kleingedruckten fand sich der Hinweis, ich könne vielleicht nicht gleich wieder zurück und es sei gefährlich. Jajaja, ich habe schon ganz andere AGBs weggeklickt!

Zack, die nächste Cutscene, danach Questabgabe bei Erzmagier Khadgar. Unter derartigem Geruckel, das die Rushhour am Frankfurter Kreuz dagegen wie geschmiert wirkt. Bitte, danke, der nächste Quest. Irgendwas mit Befehlsschreiben, Papierkram halt, aber endlich darf ich mal jemanden verhauen. Wobei man als Magier Gegner eher blitzdingst statt verwamst, weil unsere Stoffroben ja nix aushalten. Der Fachbegriff dafür lautet Fernkämpfer. Im Chat beschwert sich jemand, der gerade weniger Aufregendes macht, nämlich angeln. Mit deutlich erkennbarer Frustration wird da vermeldet, der Fisch sterbe an virtueller Alterschwäche, bevor der Klick auf die Angel Wirkung zeige. Tatsächlich ist World of Warcraft an diesem Abend kaum spielbar. Ich vertage auf den Folgeabend.

Eine Reise zum Mittelpunkt des Panzers
Der Herr heißt Nuhb Grünohr: WoW-Nerd-Humor Tag zwei also. An dem ich Hütten niederbrenne, durch Höhlen krieche und mittelgroße Schlachten mit arkanem Beschuss bereichere. Ein Quest heißt „eine Reise zum Mittelpunkt des Panzers“ und ich soll irgendein rollendes Ungetüm hochklettern und zwar seitlich an der Kette. Natürlich stürze ich erst zweimal ab. Derweil plärrt jemand „Champion, haltet uns diese Orks vom Hals!“. Vom Panzer aus darf man altertümliche Kanonenrohre auf anrückende Ork-Massen richten und dann heißt es schon wieder losrennen. Erzmagier Khadgar ist erstmal bedient und jagt die ganze Rasselband aus NPCs und meiner Winzigkeit Richtung Schiff. Der erste Erfolg wird mit dem üblichen Tröt-Ton angekünndigt und heißt sinnigerweise: Willkommen in Draenor.
Im Chat finden sich derweil lautstarke Klagen über den Hochbetrieb hier, unter anderem die Anklage, „…das Server zusammengelegt wurden, weil ihr alle inaktiv wart!“ Man kann sehr viel unterhaltsame Zeit damit verbringen, nur den allgemeinen Chat zu lesen. Was ich nur am Rande tue, denn ich muss ja die Welt retten. Oder erobern? Egal, der nächste Auftrag wartet. Der Questgeber lässt mich Ork-Waren am Strand sammeln, mit der Bemerkung, „vielleicht haben die Orks ja etwas Nützliches in ihrem Schiff. Mal abgesehen von Gerätschaften für Zahnpiercings.

GarnisonsmissionenMy home is my Garnison
Eine Neuerung in der aktuellen Erweiterung sind die Garnisonen. Vermutlich eine Reaktion auf die inzwischen sehr beliebten Sandbox-Spiele. Spielt man die Story Quest für Quest durch, kommt man relativ schnell zu dem Abschnitt, wo man sich in einer eigenen Garnison verschanzen bzw. häuslich einrichten kann. Es erinnert ein bisschen an Warcraft, nur ohne isometrische Draufsicht. Und es sieht erst mal ganz schön komplex aus. Die Beschreibung, was man jetzt architektonisch tun solle, ähnelt inhaltlich der Excel-Hilfe. Nur schöner. Blizzards große Stärke ist es aber, solche Hürden nicht zu Hindernissen zu machen. Man kann den Text auch mit halber Aufmerksamkeit lesen und einfach mal drauflosklicken. Letztlich ist es recht intuitiv zu machen. Für den Rest lese ich dann vielleicht mal hier nach. Was kann praktisch fürs weitere questen ist: Ich kann jetzt meine Streitkräfte zur Hilfe rufen. Es sind bestimmt, äh, vier Leute! Leider Menschen, keine Gnomen. Natürlich habe ich nichts gegen Menschen, viele meiner besten Freunde sind Menschen. Aber als Gnom will man halt nicht immer hochgucken müssen.

WoW: Warlords of Draenor, ScreenshotSpaß mit Fungus
Blizzard hat auch merklich weiter am Questsystem geschraubt, so dass man nie das Gefühl hat, an einer Stelle festzustecken. Man bewegt sich dynamisch durch die Welt und die Geschichte, so lose sie auch ist. Nur gelegentlich fragt man sich, ob das Ziel mancher Aufträge ist, mehr Computer-Mäuse zu verkaufen. Weil man die Dinger 1. stark abnutzt und 2. fluchend an die Wand wirft. Ein Beispiel für einen absurd Klick-intensiven Quest heißt „Spaß mit Fungus„. Da muss man zunächst leuchtende Pilze anklicken, um für „Unbeständige Sporen“ friedlich zu erscheinen. Dann darf man die hektisch hin und her floatenden Dinger, die aussehen wie die Binärteilchen aus dem Film Tron, anklicken, um sie einzusacken. Natürlich hält der Pilzeffekt nur begrenzt und man rennt erst Pilze suchen, dann wieder Unbeständige Sporen. Klickediklickklick! Wenn man nicht durch umhersegelnde Riesen-Mücken (die im Spiel natürlich eine fancy-Artenbezeichung haben) daran gehindert wird. 12 mal Unbeständige Spore bitte, danke. Ich bekomme langsam unbeständige Laune. Das war aber bislang einer der ganz wenigen Nerv-Momente und die hat Blizzard natürlich bewusst gesetzt. Wäre ja noch schöner, wenn alles nur Spaß macht!

WoW-Diary, Teil 87: Sicherheit nicht gewährleistet
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Und jetzt ihr!