By: Blaise Alleyne

Blogs machen das gerne, ich bisher nicht, aber jetzt doch. Eine Link-Schau, juhu! Ihr kennt das: Auf einmal stößt man auf richtig gute, spannende, vielleicht bisher übersehene Artikel im Netz, die wunderbar auf den Punkt bringen, was euch gerade beschäftigt. Und es manchmal gefühlt (noch ;-)) viel besser erklären, als ihr es selbst könntet. Wie der Titel dieses Posts schon andeutet, sind das nicht zwingend brandneue Dinge, aber welche, die aktuell wieder besonders interessant sind oder einfach ein Thema  so gut auf den Punkt bringen, das es wert ist, sie zu erwähnen.

 

„Eine Journalistin gibt sich als Flüchtling aus, um ganz nah dran zu sein. Ein anderer Journalist kauft für Flüchtlinge ein – und inspiriert dazu, sich mal wieder Gedanken übers Gemeinmachen zu machen.“

Zitat vom Blog „Altpapier„. Gerade aktuell, bei der Flüchtlingswelle die unser Land erreicht hat, kommt eine Forderung gerne wieder auf. Die, dass man sich als Journalist mit keiner Sache gemein machen dürfe, weder einer guten noch einer schlechten. Meist so mit dem Duktus, dass das doch quasi im Journalisten-Gesetz stehe.Ich habe das noch nie so verstanden und offensichtlich ist es auch nie so gemeint gewesen. Aber es gibt eben das Bedürfnis nach einfachen Lösungen und einfachen Antworten. Vermutlich erklärt sich so noch sehr vieles mehr. In der immer sehr lesenswerten Medien-Lese bei „Altpapier“ werden aktuelle Berichte zum Thema Flüchtlinge besprochen, wo sich die jeweiligen Autoren ihrem Thema sehr persönlich und, wie viele vielleicht sagen werden, eher unjournalistisch, genähert. Was dabei herauskommt bereichert uns trotzdem: Mit Wissen, dass allerdings sehr emotional vermittelt wird.

 

Hanns Joachim Friedrichs über die Distanz von Journalisten

Zur vielzitierten Punchline, Journalisten dürften sich mit keiner Sache gemein machen, steht hier, wie es eigentlich gemeint war. Kaum ein Zitat (vom ehemaligen Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs) wird so oft aus dem Zusammenhang gerissen. Den ich im Übrigen auch nicht mehr so genau auf dem Schirm hatte. Der Journalist Martin Hoffmann erklärt in diesem Post von 2011, dass Friedrichs damit eigentlich nur erklärt hatte, wie er es schafft, Not und Elend scheinbar unbewegt vorzulesen. Das Original-Interview kann man bei Spiegel Online nachlesen.

Darin erklärt er auch, wie ihn die BBC geprägt hat:

Ich blieb fünf Jahre beim Deutschen Dienst der BBC, machte Nachrichten aus aller Welt für die Deutschen zu Hause, so eine Art Nachhilfeunterricht für Diktaturgeschädigte. Da hab“ ich gelernt, „to inform and to enlighten“, zu informieren und zu erhellen, also aufzuklären, und dieses Verständnis von Journalismus hat mich vor allerlei Dummheiten geschützt.

Informieren, erhellen, aufklären: Das kann nur mit Haltung und Meinung verbunden sein. Sonst hätten wir so eine Art Brockhaus-Journalismus, der seelenlos-nüchtern Fakten erklärt. Wer das möchte, findet allerdings auch genug Berichte in genau dieser Art. Die Nachrichten-Agenturen machen genau das und das ist auch nicht verkehrt. Wobei da „seelenlos“ etwas harsch klingt, es ist im Grunde nur sehr distanziert.

 

„Wie man keine gute Serie macht“

Ganz anderes Thema: Serien in Deutschland. Darüber habe ich mich hier auch schon mal ausgelassen. Stefan Stuckmann ist seit elf Jahren Autor und hat in dieser Zeit vor allem für Comedyshows geschrieben. Zum Beispiel für SWITCH RELOADED, die HEUTE SHOW und zuletzt für ZDF.NEO die Sitcom EICHWALD, MDB. Er macht sich Gedanken darüber, warum es in Deutschland kaum gute Serien gibt. Wie kann es sein könne, dass ein Land, das eine der größten literarischen Traditionen der Welt habe, in der populärsten zeitgenössischen Erzählform konsequent scheitert. Mein Lieblingszitat aus dem Post:

Es gibt viele Menschen, die denken, sie hätten die Idee für eine Fernsehserie, in Wirklichkeit haben sie aber nur die Idee für eine Kulisse. MAD MEN ist eben keine Serie über eine Werbeagentur in den 60ern, sondern eine Geschichte über Menschen, die stets mehr wollen, als sie kriegen, eine Geschichte über Verführung, über Sinnsuche am falschen Ort.

Vor allem ist zu unterscheiden zwischen einer „Idee“ und einer „Geschichte“. Ohnehin ein alte Fernsehkrankheit, weil wir hier anders ausgebildet werden. Eigentlich müssten angehende Fernsehjournalisten viel, viel mehr über Dramaturgie lernen. Und zwar durchaus (auch) ganz klassische Film-Dramaturgie. Wir Redakteure lernen leider oft zu wenig Handwerk, zum Beispiel das „auflösen“. In Film-Akademien bekommen Studenten Drehbücher in die Hand und müssen die dann auflösen. Also Bilder suchen, sich für Einstellungen entscheiden, Requisiten denken und so weiter. Hier ist natürlich schon eine Geschichte da, aber das auflösen in Bilder ist schon keine leichte Aufgabe und sieht auch jedes Mal anders aus. Als Fernseh-Autoren, egal ob für Dokumentationen oder kurze Berichte, müssen wir beides liefern. Eine Geschichte und ein Drehbuch. Tatsächlich lässt man viel einfach auf sich zukommen. Bei Nachrichten geht das oft nicht anders, denn da wird meist nur abgebildet, was passiert oder passiert ist.

Man kann das also nicht ganz so pauschal fordern, aber es gibt viele Fernsehberichte abseits reiner Newsmeldungen, wo man das sehr wohl tun könnte. Also eine Dramaturgie finden und richtig erzählen.

Stuckmann hält in seinem Post auch fest, warum gute US-Serien hierzulande nur in der Nische landen:

Es ist bezeichnend, dass genau die Serien, die in den letzten Jahren für den meisten Gesprächsstoff gesorgt haben, also zum Beispiel MAD MEN oder HOMELAND, im deutschen Fernsehen nicht über ein Nischendasein hinaus gekommen sind. Nicht, weil sie in Deutschland niemand schaut, sondern weil die meisten Zuschauer sie inzwischen auf anderen Verbreitungswegen schauen.

Was mir dazu nicht einfällt: Wie das jemals besser werden kann.

Natürlich haben sich Serien in den letzten Jahrzehnten sehr stark weiter entwickelt. Man erzählte früher primär episodisch. Heißt: Ihr könnt jederzeit 3 Folgen einer Serie auslassen und fliegt trotzdem nicht aus der Kurve. Jede Folge hat das gleiche Stammpersonal, es gibt lediglich (meist einmalige) Gastauftritte. Big Bang Theory (das ich sehr mag) ist ein klassisches Beispiel dafür. Breaking Bad (das ich auch sehr schätze) ist dagegen ein Beispiel für das serielle Erzählen. Zu diesem Thema lesenswert ist dieser Post über House of Cards auf der amerikanischen News-Seite Salon.com.

tl:dr –> Netflix war deshalb so „mutig“, auf einen Piloten zu verzichten, weil sie eh wusste, dass die Leute House of Cards lieben werden. Weil: Big Data.

Zitat aus dem Post:

With about thirty million subscribers, Netflix understood what its members were watching, and with a granularity that executives in other media companies could only envy.

Ich bin weit entfernt davon, zu sagen, das klassische Fernseh-Programm wird sterben. Aber der Bedeutungsverlust ist ja nun offensichtlich. Und der wird auch noch weitergehen. Let’s see where it takes us.

 

Link-Stücke: Zeugs aus dem Netz, frisch gefunden
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