So ein bisschen ist es wohl ein alter Menschheitstraum, sich in virtuellen Welten bewegen zu können. Also nicht nur vor einen flachen Monitor zu sitzen, sondern sich mittendrin zu bewegen. Im Rahmen des Drehs für die Doku „Games 2.0“ war ich gerade in Graz, an der Technischen Universität. Genauer gesagt am Institut für Computergrafik und Wissenvisualisierung. An der TU wird seit 15 Jahren zum Thema Virtual Reality geforscht, aber erst seit Juni 2007 ist man einen großen Schritt voran gekommen.
Dabei geht es um Brain-Computer-Interfaces (BCI), also Mensch-Maschine-Schnittstellen.
Dazu begebe ich mich in eine DAVE (Definitely Affordable Virtual Environment). Die DAVE ist eine Virtual-Reality Umgebung, in der ein Betrachter Dinge in 3D sieht. Dabei scheinen die Gegenstände und Objekte im Raum zu schweben und man hat das Gefühl, man könnte nach ihnen greifen. Man kann um diese Objekte herumzugehen und sie von allen Seiten ansehen, die Projektion passt sich den Bewegungen des Betrachters an. Mit einer 3D-Brille auf der Nase steht man in einem Raum, in dem 3 Wände und der Boden mit Projektoren bespielt werden. Im aktuellen Versuch stehe ich mitten in der Wiener Nationalbibliothek.

Der Effekt nimmt einen ziemlich mit: Erstens fühlt man sich total unsicher und sucht instinktiv eine Wand. Was gefährlich werden kann, erzählt einer der Wissenschaftler, Robert Leeb. Beim Besuch einer Grundschulklasse ist fast einer durch die teure Leinwand gefallen.
Zum Zweiten ist man hochgradig gefährdet, an Cyber-Sickness zu erkranken. Sprich, es wird einem ziemlich übel. Bevor es soweit kommt, nehme ich die Brille lieber wieder ab. Was nach beeindruckender Spielerei aussieht, dient vor allem medizinischen Zwecken, erzählt Gert Pfurtscheller, Professor für medizinische Informatik und Leiter des Labors. Mithilfe von EEG kann man nämlich auch bewegungslos, also über Hirnwellen durch die 3D-Welt steuern. Querschnittsgelähmte Menschen oder Schlaganfall-Patienten können so trainieren, wie man mit Gedanken steuert. Um eine Armprothese zu bewegen, beispielsweise. Denn wer keinen Stumpf mehr hat, kann das nicht auf motorischem Wege tun. Aber er kann den Gedanken fassen, den Arm zu bewegen und damit dann die Prothese.
Das geht aber nicht auf Anhieb. Ich hätte mir vorstellen können, wenn die grundsätzliche Technik da ist, muss man nur links denken und schwups, bewegt man sich nach links. Aber so einfach ist es nicht. In einem Feldversuch mit mehr als 300 Versuchspersonen, denen nur eine kurze Einführung gegeben wurde, schafften es auf Anhieb 10 Prozent, einen Spielzeugbahn rechts oder links herum fahren zu lassen. Ungefähr 10 % waren chancenlos und bei ihnen scheint es auch nie zu funktionieren. Die restlichen etwa 80% können mit einigem Training eine solche Steuerung erlernen.

Zwei Studenten haben bereits mit der 3D-Welt von Quake experimentiert, denn was läge näher, als solche Szenarien für Spiele zu nutzen. Dabei bedingen sich die beiden Dinge, also Spiele und der Einsatz für medizinische Zwecke, gegenseitig. Am ehesten und besten lassen sich Probanden mit einem Spiel zum Training bewegen. Man braucht also ein Spiel, um die Technik zu erproben. Und man kann aus der erprobten Technik ein Spiel machen.
In Punkto Quake stehen die Studenten noch am Anfang. Noch ist nämlich die Schwierigkeit nicht gelöst, sich gleichzeitig durch die 3D-Umgebung zu bewegen und eine Waffe zu betätigen. Aus meiner eigenen Erfahrung in der „Cave“ würde ich sagen, es ist Zufall, wenn ich bei dem komischen Gefühl überhaupt etwas treffe, außer einer großen Wand vielleicht.

Was wir hier filmen ist das bewegen in einer virtuellen Umgebung und zwar mithilfe der elektrischen Aktivität des Gehirns. Proband für das Experiment ist in Student. Wichtige Utensilien für den Versuch: Ausser der Kappe, an der die Elektroden für das EEG befestigt werden: Wattestäbchen, Glibber, Shampoo und Fön. Hä?

Apropos DAVE: Das A steht ja für affordable, also leistbar. Damit wird der Umstand bezeichnet, dass alle PC-Komponenten im Grund Standard-Hardware ist. Lediglich die Grafik-Karten der verwendeten neun PCs werden regelmäßig ausgetauscht. So ist die Grazer DAVE im Vergleich relativ kostengünstig. Was nicht heisst, dass man sich so was mal eben im Wohnzimmer aufbauen könnte. Im 6-stelligen Bereich bewegt sich der Spaß immer noch. Obwohl das Haupteinsatzgebiet eigentlich die Medizin ist, und Spiele lediglich ein Abfallprojekt, kommt das Geld für die Forschung vor allem aus der Spiele-Industrie. Und dem Militär. Die nutzen virtuelle Umgebungen zum Beispiel in der Behandlung von traumatisierten Soldaten. Erste Patent-Anmeldungen aus der Spiele-Industrie laufen bereits. Namentlich sprach Professor Pfurtscheller von Sony und Nintendo.
Wir waren übrigens mit einem reinen Frauen-Team in Graz: Kamerafrau, Kamera-Assistentin und meiner Wenigkeit. Zufall, aber durchaus bemerkenswert, weil selten. Beim ZDF gibt es nämlich nur zwei Kamerafrauen gegenüber etwa 30 Männern. Und wo man nach Drehende mit männlichen Kollegen bestenfalls noch was essen geht, bevor die Herrschaften nach 2 Bierchen den Schlaf des Gerechten schnarchen, geht man mit den Damen… shoppen! Die halten halt mehr aus 😉

Ab Montag gehe ich in den Schnitt, dann wird’s ernst. Bei der Gelegenheit fällt mir ein, mein Treatment ist auch noch mehr so im Rohzustand. Mist, ich muss jetzt mal ganz schnell das Roh-Konzept für die Doku weiter beackern…

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Virtuelle Welten in Graz
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3 Gedanken zu „Virtuelle Welten in Graz

  • April 15, 2008 um 10:40 am
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    Klingt sehr interessant. Ich habe erst gestern ein Video irgendwo im Netz gesehn, wo sich so ein Typ für ein paar Euro mit einer Wii-Fernbedienung und einer Brille eine 3D-Brille gebaut hat. Als der dann die Brille aufsetzte, mit dem PC verbunden hat und ein bestimmtes Animations-Programm gestartet hat, konnte man auf dem Bildschirm eine richtig gute 3D-Animation sehen. Das kann man jetzt schlecht beschreiben, aber wenn ich das Video nochmal finde, werd ich´s hier posten. Das ist auf alle Fälle ein sehr interessantes Thema. Hoffentlich wird daraus etwas brauchbares, denn das wäre vorallem für die Spiele-Industrie eine innovative Sache!

    Mark

    Antworten
  • April 16, 2008 um 4:15 pm
    Permalink

    Hi Valentina,
    ich bin schon gespannt auf die Sendung.
    Ich arbeite als Trendforscher bei TrendONE in Berlin und beschäftige mich derzeit mit Film 3.0 = Film/Gaming-Convergence. Ein paar Insights gibt es auf einem meiner Weblogs unter http://www.film30.de
    Ich freue mich auf Austausch und wertvollen Infos aus der Sendung.

    Dass ihr in meiner alten Heimat in Graz gedreht habt, macht die Sache natürlich noch spannender! 😉

    Norbert

    Antworten

Und jetzt ihr!