Kriegerin "Valli"
Kriegerin „Valli“

Ohne World of Warcraft gäbe es dieses Blog nicht. So einfach ist das. Und weil aus einem einfachen Bericht zum Spiel das Online-Tagebuch eine MMO-Newbies wurde, die Onliner irgendwann keine Lust mehr hatten, ständig meine vielen Texte aufzubereiten, richtete mir dieser Herr hier eines dieser neumodischen Weblogs ein: „Da, guck, hier kannst DU soviel posten, wie du willst!“ Voila! Und Danke, Micha.

Aber der Reihe nach: Im September 2004 gabs die Einladung zu einem Spiele-Event in einer alten Burgruine in der Nähe von Frankfurt. Blizzard stellte sein kommendes MMO World of Warcraft vor. Wir drehten dort für das Technik-Magazin neues bei 3sat. Und ich hatte, wie alle Journalisten, bald einen Beta-Zugang, um mir das Ganze genauer anzusehen. Bis dato hatte ich zwar das ein oder andere Rollenspiel angespielt, aber ein MMO noch nicht. Ich habe auch Ultima Online oder Everquest nicht gespielt. Und Pen & Paper-Rollenspiele kannte ich zwar aus der Schulzeit, weil einige Leute damals „Das Schwarze Auge“ spielten. Dabei habe ich aber nur einmal versucht, mitzuspielen: Ich kam irgendwie nicht auf diesen Film. Obwohl ich Fantasy durchaus mochte.

Trefferwertung und Waffenkunde
WoW war anders. Leicht zugänglich, humorvoll und es lief auf einem Mac. Zu Beginn habe ich einfach gewählt, was ich am ehesten verstand: einen Krieger. Druiden, Magier oder Priester waren mir suspekt. Ich kapierte einfach nicht, wie um Himmels willen die überleben sollten. Deren Stöcke, Stäbe oder sonstige Gerätschaften waren ja nicht zum zuschlagen da, soviel verstand ich wohl. Stattdessen hatten sie als Angriffs-Aktionen merkwürdig benannte Dinge: Zittriger Schwachstromblitz oder hasenfüßiger Wirbler. Das klang alles eher nach Yoga-Übung. Was ein Krieger im Fall der Fälle tut, ist nun mal klar: Aufs Maul. Mit Schwert, Knüppel oder Axt. Erst sehr viel später habe ich begriffen, dass Krieger tatsächlich schwer zu spielen sind. In der Gruppe nämlich. Aber Blizzard hatte es irgendwie geschafft, Spieler wie mich so diskret und unmerklich an die Hand zu nehmen, dass ich irgendwann Main Tank spielte. Krieger sind nämlich laut ungeschriebener Rollenspiel-Gesetzgebung eben nicht die Offensiv-Kräfte, die alles kurz und klein schlagen.

Stattdessen beschäftigte ich mich relativ schnell damit, welche Werte meine Waffen und Rüstung haben musste, um in vorderster Reihe zu stehen, alle Gegner fürchterlich wütend zu machen und ihre Treffer einzustecken. Ich lernte, dass während ich vorne Prügel kassierte, die „Stoffis“ in den hinteren Reihen austeilten. Es sind die in leichte Roben und Samba-Schläppchen gewandeten Klassen, wie eben Magier, (im MMO-Sprech: Damage-Dealer) die wirklich Schaden anrichten. Ich lernte auch, dass nichts lief ohne Spieler, die Priester gut spielten. Ohne einen solchen Heiler kann man einstecken und austeilen soviel man will: Die Gruppe wird untergehen. Ich lernte, dass ich als Krieger höllisch aufzupassen hatte, dass keine der Aktionen der Stoffis die Gegner zu sehr reizte. Dann schrien sofort mehrere Menschen im Teamspeak, man möge ihnen SOFORT die Monster vom Leib schaffen. Das war teilweise ein schweißtreibendes Gewusel, das höchste Konzentration erforderte und zu heftigen Streitereien führen konnte. In den Anfangsjahren des Spiels dauerte so ein Ausflug Raid vier Stunden plus/minus. Sie dauerten eben solange, bis der Endboss erledigt war, denn man kann bei einem Onlinespiel nicht einfach Quicksave drücken und auf morgen vertagen. Zudem liefen Raids dieser Art nicht ohne jemanden, der sich vorher die Fähigkeiten der zu erwartenden Gegner genau angesehen hatte, die Dungeons kannte und Ansagen machen konnte.

Ich habe anfangs viel alleine gespielt, dann mit Kollegen aus der Redaktion, mit Freunden und mit Menschen, die ich zum Teil bis heute noch nie getroffen habe. Manche sind Freunde geworden, manche habe ich kennengelernt. Viele spielen noch heute, andere nicht mehr, dafür chatten wir gelegentlich oder treffen uns. Ich habe mit Arbeitslosen zusammengespielt, die aus Sicht der Nicht-Spieler wegen vor allem wegen dieses Spiel arbeitslos waren. In Wahrheit war deren Problem selten das Spiel, sondern das sie zuviel Zeit dafür hatten. Ich habe mit Geschäftsführern mittelständischer Unternehmen zusammen gespielt, mit Studenten, Grafikern, Großmüttern, Nerds und Managern. Es gab Freunde, die zu Hause Ärger bekamen, weil sie statt des gemeinsamen Fernsehabends 39 Leute gegen den Elementarfürsten Ragnaros anführten.
Manche meiner Freunde entwickelten einen unbändigen Ehrgeiz, in Raids richtig gut zu sein. Da wurden Maps auswendig gelernt (ja, anfangs gabs da keine!), die Fähigkeiten der zu erwartenden Gegner studiert und eine Stunde bevor es losging die eigene Ausrüstung gecheckt, die passenden Tränke gebraut oder gekauft und was man nicht alles tun musste. Ich bin wohl nach wie vor nur ein durchschnittlicher Spieler und für manchen meiner Freunde war das, nun, nicht gut genug 😉
Ich habe es nur in einen 10er-Raid geschafft und das auch nur unter der Zusicherung mich unter allen Umständen zu konzentrieren. In den eher lockeren 5er-Raids konnte ich mich dann als Main-Tank erproben. Meist unter gespieltem Entsetzen meiner Mitspieler: „Valentina tankt? Wir werden alle sterben!“. Mit mir im Team gewann man nicht immer, aber es war fast immer lustig!

Derweil bewegte sich die nicht-spielende Öffentlichkeit zwischen Staunen, Verwirrung und Ablehnung mit einem Paralleluniversum. Das Thema brannte, ich steckte mittendrin und lernte. Für mich Grund genug, eine Dokumentation über das Thema Onlinerollenspiele zu machen. Voilà:

Teil zwei & drei gibts ebenfalls bei YT. In mittelmäßiger Qualität, aber immerhin. Man beachte: Der Film ist Anfang 2007 ausgestrahlt worden und auf dem Stand kurz vor Burning Crusade! Also noch hübsch mit 40er-Raids und Raid-Leitern, die Beutestücke in lange Listen eintrugen. Ich habe übrigens damals die gesamte Recherche, Dreh und Schnitt in einem Making-Of-Tagebuch gespiegelt. Hier gehts los.

2014 spiele ich immer noch. Längst nicht mehr so viel, denn trotz Erweiterungen im Jahresrythmus, es bleibt das gleiche Spiel. Tatsächlich kann ich mich nicht von meinen Charakteren trennen. Und noch immer ist World of Warcraft eines der besten und schönsten MMOs, die es derzeit gibt. Die aktuelle Erweiterung Warlords of Draenor schafft es, Veteranen und Langzeitspielern wieder etwas vom ursprünglichen Reiz zurückzubringen und durch so etwas wie Sandbox-Elemente auch für neue Spieler attraktiv zu machen. Es gibt heute eine unendliche Vielzahl von Alternativen.
Destiny, wohl mit einigen Ex-Blizzard-Mitarbeitern in den Reihen, versucht, etwas mit ähnlicher Spiel-Mechanik auf der Konsole und für Shooter-Spieler auf die Beine zu stellen. Es sieht großartig aus und es hat bisweilen Witz, aber es wirkt insgesamt leer und die Missionen haben wenig erzählerische Qualität.
Herr der Ringe Online hat inzwischen auch einen Mac-Client, ist kostenlos und auch bei weitem kein schlechtes Spiel. Aber ach, wann mache ich das denn noch?

Auch WoW hat Federn lassen müssen, die Hochzeit ist klar vorbei. Die Höchstmarke liegt bei 12 Millionen Spielern 2008. Zuletzt waren es noch 7 Millionen . Auch, wenn die letzte Pressemitteilung wieder von 10 Millionen Abonennten weltweit sprach. In den letzten Jahren gingen diese Zahlen meist um 2-3 Millionen zurück, bis die nächste Erweiterung kam. World of Warcraft ist zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung einfach auf Normalmaß angekommen. Allerdings ist es, was die Abo-Zahlen betrifft, noch immer auf enorm hohem Niveau. Wo alle anderen MMOs das Abo-Modell längst ein- und auf Free2play umstellten, ist WoW (zusammen mit Eve Online) im Grunde das einzige, das sich mit einer festen Basis monatlich zahlender Kunden hält. Ein Kino-Film ist seit einigen Jahren angekündigt: Sam Reimi sollte ihn mal Regie-seitig übernehmen, Legendary Pictures umsetzen. Dann hörte man lange nichts mehr. Inzwischen ist der Film für 2016 angekündigt, der Brite Duncan Jones, Sohn David Bowies, wird Regie führen.

Make Love, Not Warcraft: Popkultur-Einflüsse
World of Warcraft ist selbst eine einzige Hommage an Popkultur: Es zitiert Bücher, Filme, Musik und andere Spiele. In Quests tauchten da beispielsweise Plants vs. Zombies auf oder Simon. Es persiflierte Promis wie zum Beispiel Paris Hilton, die in einer der Städte absurd teure Taschen als NPC amens Haris Pilton verkaufen durfte. Und andersherum zitieren heute Serien das Spiel oder machen es zum Thema. Eine komplette Folge South Park (2006) widmete sich dem Spiel und hier hatte Blizzard auch einigen Mut zur Selbstironie. In Big Bang Theory war das Spiel gleich in mehreren Folgen Thema – ebenso wie viele andere Videospiele.

Late-Night-Host Jimmy Fallon sang 2013 „We are the World of Warcraft“:

Im Video feiern sich WoW-Spieler gleich selbst mit. Überhaupt: nach wie vor finde ich faszinierend, was WoW an Drumherum inspiriert hat. Hörspiele, Machinimas, Cosplay, Fan-Fiction jeder Art. Das gilt natürlich für viele Popkultur-Erzeugnisse, um korrekt zu sein. Letztes Jahr hat Blizzard eine hübsche World of Warcraft-Infografik veröffentlicht.

„Sie spielen WoW? Sie sind eingestellt!“
Zukunftsforscher Matthias Horx, selbst aktiver WoW-Spieler, sagte mir 2007 im Interview, das Spiel schule für die Aufgaben der Zukunft:

Ich habe auf einem WoW-Server lange Monate gespielt, wo sich die ganzen europäischen Länder, vor allem in der Peripherie, sich abgebildet haben. Ich habe mit Letten, Russen, Türken, auch einigen Honkong-Chinesen die sich hierher verirrt hatten, Portugiesen, Iren, gespielt und wir haben uns in unserem Pidgin-Englisch, wir waren ja nicht alle native speakers, in großen Gruppen verständigt. Das war nichts anderes als multinationale Firmen, globalisierte Firmen, heute machen. Dieses alt und jung, männlich und weiblich, verschiedene Nationalitäten und Kulturen, das bildet sich im Spiel beispielhaft aus; insofern kann man nur sagen, jedes Unternehmen oder wenn Sie so wollen die Bundesarbeitsagentur, müsste ihre ganzen Mitarbeiter mit WoW eigentlich schulen. Das ist das beste Schulungsinstrument für die Arbeitswelt von morgen.

Ein Gildenleiter zu sein, sei der beste Management-Kurs für Führungskräfte, stand 2066 in einem Wired-Artikel.

Bei der breiten Spieler-Basis ist es nicht verwunderlich, dass auch Promis als WoW-Spieler bekannt wurden. Beispielsweise der leider verstorbene wunderbare Robin Williams. Zu seinen Filmen finden sich einige Referenzen im Spiel.

Arrak_Landscape_ColorWarlords of Draenor ist seit dem 13. November spielbar. Es gibt mal wieder ein paar Landstriche mehr zu entdecken, die Spiel-Grafik wurde diskret übergebürstet, hier und da an Mechanik und Questsystem gerafft und gezuppelt. Und tatsächlich stellt sich der alte Zauber wieder ein: Es gibt wieder Welten, wo man sich nur mit höchster Vorsicht bewegen kann, weil absonderlichste Kreaturen lauern, die kleine Abenteurer auf dem Weg zum nächsthöheren Level in Millisekunden verspeisen. Kreaturen, wie die Schotlinge, halb Pflanze, halb Tier, die man am liebsten von allen Seiten betrachten würde, weil sie mit unendlicher Liebe zum Detail gestaltet sind. Dummerweise möchten die entzückenden Schotlinge einen viel lieber zu Dünger für eine neue Generation von Pflanzen-Tier verarbeiten.

Eine gut einstündige Doku zum Zehnjährigen hat sich Blizzard selbst geschenkt:

Auch wenn sich die Macher hier (auch) ein bisschen selbst feiern, gibt es ein paar interessante Einblicke: Zum Beispiel, wie die Boss-Kämpfe designed werden und wie die Spieler Teil dieses kreativen Prozesses werden. Selbst die Server-Räume sind zu sehen – angeblich zum allerersten Mal. Mich haben die damals nicht reingelassen 😉 Natürlich gibt es dafür auch ganz normale sicherheitstechnische Gründe. Gezeigt wird auch, welchen Attacken die Server ausgesetzt sind.

Blizzard wird das Spiel vermutlich pflegen, solange es (genug) Spieler gibt. Bislang ist nicht absehbar, wann es zu wenige sein werden. Und jetzt entschuldigt mich kurz, ich muss mal eben die Weltherrschaft erobern.

Hinweis: So nicht durch Link belegt, stammen Zahlen & andere Infos aus Blizzard-Pressemitteilungen, die ich in alten und neuen Ordnern meiner Outlook-Hölle zusammenkramte.

Wir werden alle sterben!
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2 Gedanken zu „Wir werden alle sterben!

  • November 21, 2014 um 10:05 am
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    Sehr schön geschrieben. Da muss ich fast widerstehen WoW nochmal zu installieren,

    Antworten
    • November 21, 2014 um 4:08 pm
      Permalink

      Bei mir hatte es zuletzt fast etwas von einem sehr teurem und aufwendig gestalteten Chat-Client 😉

Und jetzt ihr!