GretchenWas hier mit dem Arbeitstitel „Autorenspiele“ überschrieben ist, sind Spiele, die entweder auf einer Buchvorlage basieren oder einen erwähnenswerten Autor haben. Weil ich zu faul war, einen anderen als den Arbeitstitel zu finden, bliebs dabei. Es blieb schließlich genug zu tun, mit der, äh, Auseinandersetzung mit diversen Dämonenhorden und Kampfrobotern.

Beispiel Eins: Knights Contract
Knights Contract ScreenshotBedient sich bei Goethes Faust. Und gleich sei hinterher geschoben: Knights Contract hat mit Goethes Faust ungefähr soviel zu tun, wie die Eintracht mit bundesligatauglichem Fußball.
Die Hauptcharaktere heißen Heinrich und Gretchen – die japanischen Macher bedienen sich aber auch aus anderen Stoffen. Genretechnisch ist das ganze Hack’n Slay, mit ein bisschen Mittelalter-, einem Hauch von Manga-Stil und jeder Menge Dämonen.

Die Story in angemessener Kürze zusammengefasst: In der Eingangssequenz erlebt ihr, wie Gretchen als Hexe hingerichtet wird. Heinrich ist ihr Henker und wird für diese Tat verflucht ewig zu leben. Also latscht Heinrich noch Jahrzehnte später durch eine zunehmend von Dämonen und Düsternis beherrschte Welt. Mit Dämonen lässt sich nicht verhandeln, Heinrich ist ohnehin eher schweigsam und benutzt lieber sein Schwert. In dieser Situation taucht Gretchen wieder auf und verbündet sich mit Heinrich im Kampf gegen das Böse. Im Gegenzug darf er damit rechnen, von seinem Fluch erlöst zu werden.

Das Böse findet sich zu Spielbeginn in Gestalt des fiesen Weibs Sträggele und Horden von Untoten. Die Erstgenannte haben die japanischen Macher aber nicht aus Faust, sondern bedienen sich bei der Schweizer Sagenwelt. Sträggele ist eigentlich das Weib von Türst, einem höllischen Jäger. Nachlesen bitte bei Wikipedia. Zurück zu Knights Contract und eurer Aufgabe, die da lautet, alles Böse konsequent kleinzuschnetzeln. Groß genug ist Heinrichs Sense jedenfalls. Gretchen unterstützt ihn dabei mit Zaubereien. Man steuert primär Heinrich, Gretchen agiert selbstständig. Man kann ihre Zauber allerdings auch gezielt einsetzen, doch das ist ein elendes Tastengeschwurbel. Daher habe ich die Dame mal machen lassen. Leichtbekleideten Damen soll man nicht reinreden. Die Untoten der simplen Sorte lassen sich leicht von der Gasse putzen. Die späteren Gegner sind dann etwas hartleibiger. Schwarze Ritter mit Schild müsst ihr quasi umtanzen, sonst klopft ihr ständig sinnlos auf ihrem Schild rum. Geht Heinrich in die Knie heisst es fix mehrfach den A-Knopf drücken, um ihn wiederaufleben zu lassen. Wenn er kurz vor dem ableben ist, kämpft er auf Knien. Das ist immerhin recht realistisch, um mal etwas Positives zu sagen.
Relativ schnell gabs für mich zwei Achievements: „Blutvergießen“ beim ersten Untoten-Gemetzel und „Nur ein Kratzer“ fürs erste Ableben.

Mein Über-Highlight: Um von Gretchens Heilkünsten zu profitieren, muss man die Dame auf den Arm nehmen. Ist sie in der Nähe, einfach die Schultertaste drücken und Gretchen wirft sich mit einem eleganten dreifachen Rittberger in eure Armen. Ich habe selten etwas (unfreiwillig) Komischeres gesehen.
Von solchen Dämlichkeiten mal abgesehen ist Knights Contract ganz ordentliche Hack’n Slay-Kost. Mehr aber auch nicht…

Beispiel zwei, ganz anders und viel besser: Enslaved!
Trip (Enslaved)Es beginnt auf einem Sklaven-Raumschiff, von dem aus sich zwei Gefangene auf die Flucht machen. Der grobschlächtige Monkey trifft auf die technikbegabte Trip.
Die Geschichte bedient sich lose aus einer chinesischen Erzählung aus dem 16. Jahrhundert: „Die Reise nach Westen“ von Wu Cheng’en.
Und verlegt sie in die Zukunft. Auf einem namenlosen Sklavenschiff wacht Trip in einer Gefängniskapsel auf. Trip war ebenfalls gefangen, konnte sich aber gerade befreien. Sie sabotiert die Technik an Bord und flieht – während das Raumschiff Richtung Erde trudelt – Richtung Rettungskapsel. Monkeys wittert seine Chance, nutzt das ausbrechende Chaos und jagt hinter Trip her. Dieser erste Anschnitt ist gleichzeitig auch Tutorial für Kampf und Bewegung. Die Jump’n Run-Einlagen sind hervorragend gelöst. Die halsbrecherischen Sprünge und Klettereien funktionieren extrem smooth, ohne hakeliges anvisieren und frustrierendes daneben springen. Moneky kann Trip gerade noch einholen und sich an der Rettungskapsel festklammern. Dann crashen beide im New Yorker Central Park. Die Metropole ist leer, verwüsteten und voller gnadenloser Maschinen. Die Partnerschaft von Trip und Monkey ist zunächst nicht ganz freiwillig: Trip zwingt ihn mittels einer elektronischen Fessel, ihr zu helfen. Der Deal: Er hilft ihr, nach Hause zu kommen, dafür will sie ihn dann gehen lassen.

Monkey (Enslaved)Die Videosequenzen, die die Geschichte vorantreiben, wurden von Schauspielern eingespielt. Für die spätere digitale Animation muss die schauspielerische Mimik überdeutlich erkennbar sein. Für die Schauspieler ist das ähnlich wie beim Theaterspielen. Das Ensemble von Enslaved ist ein eingespieltes Team. Andy Serkis (Monkey) und Lindsey Shaw (Trip) sind bereits beim Vorgänger Heavenly Sword im Boot gewesen. Serkis ist gelernter Theaterschauspieler und Filmeguckern als Gollum im Herrn der Ringe bekannt geworden. Er hat bei beiden Spielen des Entwicklers Ninja Theory auch als Co-Director fungiert. Außerdem war Alex Garland für die Geschichte zuständig. Dieser Herr ist Autor und Drehbuchschreiber – unter anderem schrieb er den Roman „The Beach“, der mit Leonardo DiCaprio verfilmt wurde. Sicher auch deswegen gehören die Videosequenzen von Enslaved zu den besten, was ich in diesem Bereich gesehen habe. Die Kurzfilme, die Herr Kojima in MGS einbaut sind damit nicht vergleichbar.
In manchen Spielen nerven Videosequenzen. Hier sind sie ein Genuss!
Perfekt gelöst sind die Übergänge zwischen kurzen Videosequenzen und den Abschnitten, wo der Spieler wieder das Ruder in der Hand hat. Kaum merkliche Ladezeiten entlassen einen nie aus dem Geschehen. Wenn es hektisch wird, wird es aber auch mal friemlig: Man kann Trip auch einige „Befehle“ geben, sie z.B. irgendwo in Deckung schicken oder ihrerseits Ablenkmanöver starten lassen. Gleichzeitig hat man als Monkey aber auch einiges zu tun, z.B. die Kampfroboter ablenken und dann fix über diverse Abgründe hüpfen, Schild hochhalten, 2-3 weitere Kampfroboter niederschlagen, sterben… ähm, ja. Man muss die verschiedenen Möglichkeiten von Monkey Waffe – funktionsmäßig gesehen ein Mix aus Baseballschläger und Lichtschwert – genau kennen und richtig einsetzen, sonst wird das nichts.

Die Figuren, neben Trip und Monkey kommt mit Pigsy noch ein urkomischer Kauz dazu, sind glaubwürdig und ihre Mimik spricht Bände. Ein kurzer Blickkontakt zwischen Trip und Monkey oder kurzes Augenrollen erzählt mehr, als jede lange Cutscene. Ich zitiere kurz einen mir bekannten Entwickler (einer anderen Gamesschmiede): „Enslaved zeigt dass es nicht nötig ist den Spieler mit minutenlangen Introsequenzen oder interaktivem Händehalten in das Spieleuniversum eintauchen zu lassen. Bei Enslaved spricht die Action auf dem Screen. Und zwar so, dass es Sinn macht und man seine eigenen Rückschlüsse ziehen kann. Dem Spieler wird Köpfchen zugetraut, was eine wilkommene Abwechslung ist!“

Die Geschichte hat erkennbar auch filmische Einflüsse wie Star Wars oder Terminator. Fazit: Enslaved besitzt glaubwürdige Charaktere, die richtige Mischung aus Rätsel und Action UND eine gute Story.
Bei einem interaktiven Medium muss genau diese Mischung stimmen. Mission erfüllt!

Bewegtbild gibts in der Pixelmacher-Ausgabe Nummer 6, am 17. Juni um 21:30 in ZDFkultur oder der ZDF-Mediathek.

Namco Bandai
KNIGHTS CONTRACT (PS3/XBOX360)
USK 18

Namco Bandai
ENSLAVED (PS3/XBOX360)
USK 16

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