Kollege Medianaut & ich haben jetzt zwei Wochen lang in der virtuellen Realität verbracht. Die Reaktion reicht von „so ein schönes Parallel-Universum!“ bis zu „och nö!“ Wo ich skeptisch bin, ist Ralph a.k.a. Medianaut begeistert, wo ich ballere, muss er gähnen. Wir schreiben daher beide auf, was wir denken. Ich fange an!

PlayStation VR HeadsetErsteindruck

Als die Tasche mit der Hardware ankommt, denke ich, ich spinne: Das sind Kabelmengen, die nach weltgrößter LAN-Party aussehen! Hier eins rein, da eins raus, das Kästchen mit Plyse, mPlayse mit Dings und da noch mal eins dran – der Spaß dauert locker zwanzig Minuten und die Bude sieht aus wie ein Kabellager. Viel Spaß, viel Kabel! Die benötigte Playstation Kamera ist übrigens nicht im Paket: Die gibt’s extra (rund 60 Euro). Ist die Kabelei erledigt, kann’s losgehen. Das Headset ist trotz seiner Größe leicht und angenehm zu tragen.

Ich versuche erst mal die Spiele aus THE PLAYROOM VR. Diese Spielesammlung gibt’s im Übrigen kostenlos. Das Ganz ist die „gesellige Variante des Virtual-Reality-Gamings“. THE PLAYROOM VR enthält sechs Spiele, die man mit mehreren Spielern spielen kann, auch wenn es nur ein Headset gibt. So ähnlich haben wir das auch schon bei der Wii U gesehen, wo der Spieler mit dem Gamepad eine andere Rolle hat, als die per Wiimote mitspielenden Leute. Auf der PlayStation sieht das dann so aus, das beispielsweise einer per Headset Geister jagen muss, die nur der Spieler ohne Headset sehen kann. Letzterer dirigiert den anderen Spieler dann mit Zurufen. Das macht großen Spaß und zeigt wirklich Potential für witzige Spielerunden.

 

Until Dawn - Rush of Blood

 

Es gibt zum Start ein Horrorspiel, dessen fürchterlich generischen Titel ich mir einfach nicht merken kann, das aber ganz großen Spaß macht. Dings, jetzt hab‘ ich’s wieder: Until Dawn – Rush of Blood. Das Spiel ist im Grunde eine Art Deluxe-Demo, kostet mit rund 20 Euro nicht die Welt und enthält 7 Level. Rush of Blood macht aus der Not eine Tugend. Es ist nämlich so: Durch das VR-Headset hat man immer das Gefühl, dass man sich in seiner Umgebung bewegen möchte bzw. muss, man aber mit seinem Bobbes auf dem Sofa sitzt. Diesen Umstand lösen Entwickler unterschiedlich  und unterschiedlich smart. Rush of Blood setzt mich einfach auf einen Achterbahnwagen, hurra! Das finde ich sehr clever, denn so bewege ich mich auf Schienen, ohne das Gefühl zu haben, einem simplen Rail-Shooter auf den Leim zu gehen. Versteht ihr, was ich meine?!

 

The London Heist

 

In The London Heist, Teil des Pakets VR Worlds sitzt man beispielsweise andauernd irgendwo festgetackert: An einem Kneipentisch, hinter einer Vitrine, gefesselt auf einem Stuhl, etc. Das wird erst lustig, wenn man als Beifahrer bei einer Autojagd durch London aus dem Fenster ballern darf.

VR Worlds – zu dem The London Heist gehört – ist eine ganz spannende Sammlung an Umgebungen: Es gibt eine Unterwasser-Tour (natürlich inklusive Blick ins Auge eines weißen Hais), eine Kletterei durch zerfallende Raumschiffe, ein – natürlich illegales – Straßenrennen,  eine Runde Dangerball oder beschriebenen Gangsterthriller The London Heist. Auch hier: Die Kurz-Erlebnisse zeigen das Potential des Headsets. Das sind alles keine episch-langen Abenteuer, aber dafür halte ich das Spielen mit Headset aber auch gar nicht für ideal. Jedenfalls ist es für mich schwer vorstellbar. Crytek hat zwei Spiele entwickelt, die ebenfalls darauf setzen, dass das Entdecken von Räumen – in übertragenem Sinn – in einer virtuellen Umgebung besonders interessant ist: The Climb und Robinson – The Journey. The Climb ist ein Kletterspiel, Robinson lässt Spieler eine urzeitliche Insel (DINOS!) erforschen. Letzteres habe ich leider noch nicht ausprobiert, es sieht ganz spannend aus. The Climb ist exklusiv für den PC bzw. die Oculus.

The London Heist: Verfolgungsjagd

 

 

Muss man haben: ja oder nein?

Jein.

Spiele machen unglaublich viel Spaß! Selbst völlig lahm klingende Settings machen in der Praxis ungeheuer viel Vergnügen oder zeigen das Potential der Technologie. Die Verfolgungsjagd durch London (London Heist / Playstation VR Worlds) mit zwei Move Controllern: Großes Kino, auch wenn der Rest nicht recht mithält. Auf der Achterbahn durchs Irrenhaus: Toll.

Filme dagegen brauche ich nicht in einer VR-Umgebung sehen. Schon bei 3D bin ich oft unbeeindruckt. In Star Wars gibt’s genau eine coole Szene in 3D. Und so hübsch interaktive Filme gemacht sind oder Dokus ein Plus an Perspektive bieten: Mir reicht ein 2D-Erlebnis völlig aus. Für fiktionale Stoffe halte ich VR nicht für ideal. Was nicht bedeuten soll, dass da nicht was kommen kann. Womöglich kommt ja noch ein Regisseur mit einer ungeahnten Idee um die Ecke, wo alles stimmt und ich begeistert von der Couch falle. Bisher sehe ich das einfach nicht. Ich will nicht selbst mit meinem Blick Regie führen, wenn es Leute gibt, die das viel besser können und sich bei ihrem Drehbuch was gedacht haben. Lineares Medium und so. Das hat viel Schönes und non-linear funktioniert einfach besser in Spielen.

Ein paar weniger Kabel könnten es schon sein. Aber das ist ein endliches Thema. Ich spekuliere mal: Vermutlich kommt im nächsten Jahr eine Slim-Version des Headsets raus, es gibt sauber funktionierendes Bluetooth und vielleicht eine Konsole, wo die Prozessorheinheit schon integriert ist, etc pp. Im Moment würde es in meinem Wohnzimmer zu totalem Chaos führen. Da stehen schon 3 Konsolen mit Kabeln & Controllern. Das Headset mit allem Gedöns noch dazu und ich stelle Personal zum Kabel-sortieren ein. Das viele Zeugs ging mir schon bei der Wii U auf den Wecker, wo ich neben den Controllern noch das Pad und die Ladeschale ständig von links nach rechts schob, um die Chips abzustellen und gelegentlich Staub zu wischen. Ich mag das nicht, aber ich bin da vielleicht auch speziell.

Und sonst so?

Achtung, es folgt ein womöglich irritierender Kritikpunkt… Wer nicht gerade Drahthaar auf dem Haupt hat und dieses länger als bei der Armee üblich trägt, wird bald feststellen: Das Headset hinterlässt Bruch und Dalles, will sagen, abgebrochene Haare. Wenn ihr mich aufgrund dieser Feststellung für völlig durch haltet, aber dann habt ihr keine Haare (mehr) oder tragt sie auf zwei Millimeter Länge. Da man das Headset immer wieder etwas nachjustiert, weil das Bild hin und wieder unscharf wird, werden die Haare darunter ordentlich in Mitleidenschaft gezogen. Haariges Thema, aber isso!

Und 400 Euro sind zwar verglichen mit den PC-Headsets ein Kampfpreis aber immer noch Geld. Zu viel Geld dafür, dass ich nicht recht weiß, ob das Ding nicht nach einem halben Jahr Staub ansetzt, weil der Wow-Effekt eben auch nachlässt. Das war bei der Wii damals so – auch wenn ich immer mal wieder gerne eine Runde Bowling spiele. Aber das reicht eben auch. Ich glaube, das Ding wird ein tolles, teures Nerd-Gadget bleiben – nicht unbedingt Mainstream. Ob Wiimotes oder Kinect, am Ende setzt sich in der Masse doch meistens das bequemste Erlebnis durch.

Virtual Reality im Realitäts-Check, Teil 1
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