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2007, als WoW gerade die nicht-spielende Öffentlichkeit verwirrte und Spieler faszinierte, sprach ich mit Frank Pearce von Blizzard über den geplanten Warcraft-Film. Damals war gerade Legendary ins Boot geholt worden und Mr. Pearce war bester Dinge ob des Fortschritts. Jetzt, kaum 9 Jahre später, ist der Film auch schon draußen und ich habe ihn gesehen.

Kurz: Ich fand ihn gut. Nicht makellos. Aber gut. Und hier die wie immer längliche Ausführung dazu:

Oh, ein Murloc!

Ich schau mir grundsätzlich immer Trailer von Filmen an, die ich sehen will. Manche vermeiden das ja ebenso wie Rezensionen, weil wegen Spoiler-Angst oder dem Wunsch, völlig unbeleckt ins Kino zu gehen. Ich dagegen gucke und lese immer und gelegentlich nehme ich danach Abstand vom Kino-Besuch.

Und der Warcraft-Trailer stimmte mich tatsächlich etwas skeptisch –  der Comiclook des Spiels sieht im Real-Film einfach erst mal merkwürdig aus. Da ist der enorme Vorbiss der Orks, in Kombination mit winzigem Kopf und absurd riesigen Hände und dazu eine offensichtlich staatstragend-dramatische Geschichte. Ich hatte etwas Schwierigkeiten, da nicht mit den Augen zu rollen. Videospiel-Verfilmungen haben ja ohnehin einen legendär schlechten Ruf. To be fair: Man kann ganz sicher auch von vielen Büchern oder gar realen Ereignissen sagen, dass sie filmisch miserabel umgesetzt wurden. Nur wird das sooft und schon so lange gemacht, dass das am Ende nicht weiter auffällt. Wenn denn Menschen überhaupt mitkriegen, welche Quelle da verfilmt wurde. Denn das wird, im Gegensatz zu Spielen, selten groß verkündet – es sei denn, es handelt sich um den Herrn der Ringe, der lange als unverfilmbar galt. Spiele werden noch nicht so lange als Quell-Material genutzt und haften blieben nur die sehr, sehr schlechten Verfilmungen. Aber ich schweife ab.

In den ersten Filmminuten von Warcraft – The Beginning musste ich mich erstmal justieren. Zunächst sind da die angesprochenen abnorm proportionierten Orks und auch die ein oder andere unfreiwillig skurrile Szene: Eine Ork-Frau (wie sagt man das bloß korrekt?) in den Wehen, ein Dämon der beherzt Geburtshilfe leistet… orrr. Ich kann mir übrigens überhaupt nicht vorstellen, wie Menschen ohne Spielerfahrung den Film wahrnehmen. Ich habe soviel Freizeit in Azeroth verbracht, ich gucke nunmal mit WoW-Brille (mit doppelt-dicken Gläsern!) und kann mich, selbst wenn ich wollte, davon nicht lösen. Und mit diesem Disclaimer kann ich sagen: ganz schnell stellt sich ein wunderbar warmes Gefühl ein: oh, Ironforge! Und die Gegend mit den Stroh-Bündeln kenne ich auch! Awww, habt ihr den Murloc im Vorbeischwenk gesehen?! Juhu, der Zwerg aus dem allerersten Spiel-Intro! Und die Gegend da gerade, das ist doch, äh, Dings!

Von vielen Deja Vus abgesehen: Der Film schafft für mich eine neue, zusätzliche Ebene, bringt eine andere Emotionalität ins World of Warcraft-Universum. Bisher definiert sich meine Beziehung dazu allein aus langen Abenden am Rechner: Questen, mit Freunden schwätzen, lustige, nervenaufreibende, stressige Raids, konzentriert und an die Tastatur gebunden. Der Film schafft aber eine tiefergehende Düsternis, wo das Spiel mir dazu kaum Raum lässt. Weil ich in Raids vielleicht just bei einer Videosequenz oder Lesen eines Quest-Textes via TS angeraunzt werde, ich solle mal weniger Aggro ziehen. Oder gerade Blut und Wasser wegen des Cooldowns meiner wichtigsten Zauber schwitze. Oder über die Fähigkeiten-Rotation nachdenke, oder oder. Da bleibt wenig Zeit für Story und Dramatik. Letztere ergibt sich rein über die Spiel-Dynamik. Welcher Spieler taucht schon tief in eine Geschichte ein, die vorrangig via Quest-Beschreibungsschnipseln oder Cutscenes erzählt wird.

Der Film erzählt im Grunde einen Teil der Vorgeschichte von WoW – die man in all den bisher erschienenen Erweiterungen nach und nach serviert bekommt, ohne das sich da für mich eine wirklich fesselnde, zusammenhängendeLinie ergeben hätte. Die Geschichte, das ganze Universum ist zwar immer irgendwie präsent, alles lebt und atmet, aber als Spieler wird man in diese Welt einfach hineingeworfen – es gibt keine dramaturgisch gebaute Geschichte mit Anfang und Ende. Was ja in einer offenen Welt auch naturgemäß nicht verwundert.

Ein Märchen-König im Dreck

Dem Film von Duncan Jones gelingt es, eine Dynamik zwischen den Figuren zu erschaffen, die stimmig ist und auch das Ensemble ist für mich sauber besetzt. König Llane Wrynn (Dominic Cooper: The Lady in the Van, Dracula Untold, Reasonable Doubt) beispielsweise hat genau das etwas überzeichnet Märchenhafte, was auch die menschlichen Könige im Spiel haben. Etwas, was möglicherweise irritierend wirkt, kennt man das Spiel nicht. König Llane bleibt leider immer etwas zu sauber, auch in Schlachten sieht seine fein verzierte Rüstung immer säuberlich poliert aus. Der Krieger Anduin Lothar (der Australier Travis Fimmel, Vikings) ist daneben der raue, weniger perfekte Protagonist. Es ist aber definitiv die richtige Idee gewesen, echte Schauspieler zu wählen, statt CGI-Charaktere zu erschaffen. In der Produktion bedeutet das natürlich Motion Capture Performance und das bedeutet Reduktion aufs Wesentliche, auf das Spiel der Darsteller. Es gibt weniger Kulisse, dafür viel Greenbox und ich glaube, dass Schauspieler so eine andere Performance abliefern können, beziehungsweise müssen.

Was ich auch sehr liebe, ist der feine Humor, der sich gerne etwas Slapstick erlaubt, aber nie zu albern wird. Und das bekommen das Spiel und der Film gleichermaßen hin. Das abschreckendste Beispiel in diesem Punkt ist die grottige Verfilmung von Dungeons & Dragons, die mit platten Witzen und hölzernen Darstellern mehr langweilte, als jeder Ladebildschirm von MMOs. Ben Schnetzer (bekannt aus Der Bücherdieb) spielt den jungen Khadgar als leicht nerdigen, etwas übereifrigen Magier mit leichter Hand. Ben Foster schlüpft in die Rolle des Medivh und spielt ihn als doppelbödigen und bisweilen hochmütigen Wächter, der sich von großer Macht verführen lässt. Etwas blass bleiben die Menschen, die alle ein wenig zu clean und fast barbiehaft wirken. Was zwar nahe an der Vorlage bleibt, aber für den Film etwas roher hätte sein dürfen. Am schwersten haben es sicher die Orks, Emotionen glaubhaft rüberzubringen, doch auch das gelingt nicht schlecht, sieht man von einigen Szenen ab, wie der eingangs erwähnten Geburt eines Örkchen Ork-Babys. Der Film ist gewalthaltiger, als das Spiel und das ist durchaus stimmig so. Die Orks werden als archaisches Volk dargestellt, mit einfachen Verhaltensregeln, die aus dem Schlachtfeld-Leben resultieren. Garona, die halb Ork, halb Mensch ist, dient dabei dazu, den Konflikt zwischen Orks und Menschen zu verdeutlichen.

Es ist übrigens sehr schwierig, mit WoW-Spielern in diesen Film zu gehen und ich mache da keine Ausnahme. Man kann sich unmöglich gänzlich dem unablässigen Zwang entziehen, praktisch alles irgendwie zu kommentieren: Figuren, Rollen, Gags, Szenen, Ausstattung, Story, Look, ALLES! Für Duncan Jones, selbst aktiver Spieler und viel gelobt für kleine, feine SciFi-Filme wie Moon, weiß wohl um diese Bürde. Dem Guardian erzählte er:

“If you get it wrong, people are going to be very upset,” says Jones when we meet. “The thing you have to remember with Warcraft, probably more than with any other computer game, ever, is that people spend more time in this place than in the places they live. It actually is like their home town. So if you get that wrong it’s a bit like the people in Notting Hill, who are still recovering from the Notting Hill movie.”

Duncan Jones, Quelle: Guardian.

Ein sehr schöner und sehr wahrer Vergleich. Zwischendurch war, wenn  ich mich recht erinnere, der nicht ganz unbekannte Sam Raimi  als Regisseur vorgesehen. Ohnehin kann man sich nur ausmalen, was hinter den Kulissen alles los war, bis das Ding realisiert war. Darüber reden tut bei Blizzard traditionell niemand. Vielleicht taten sich Produzenten und Produktionsfirmen schwer damit, dass sich die Macher nicht einfach darauf beschränken, eine Lizenz rauszuhauen. So firmiert jedenfalls Chris Metzen, langjähriger Hüter des Warcraft-Universums als Co-Produzent und Mike Morhaime, einer der drei Gründer als Executive Producer. Mit Duncan Jones als Drehbuch-Autor und Regisseur scheint es jedenfalls harmoniert zu haben.

Also: Für mich ist der Film ist eine runde Sache. Trotz Schwächen. Er ist unterhaltsam, stellenweise berührend, witzig, ganz einfach ordentliche Abendunterhaltung. Punkt. Und erst „The Beginning“. Mal schauen, was und wann Duncan Jones (oder gar ein anderer Regisseur) da noch herausholt.

Andere Meinungen

Die Computerbild fands enttäuschend und zwar aus der Perspektive von Spielern:

Im Laufschritt geht es von einer Szene zur nächsten, im Minutentakt kommen neue Personen dazu, die selbst Lore-feste Kino-Besucher etwas ratlos zurücklassen. „Das muss ich nachher nochmal nachlesen“, ist wohl der häufigste Gedanke, während der insgesamt 123 Minuten.

Der Film wirkt schwer, ernst und nicht sonderlich zugänglich. Und das, obwohl es nicht viel gebraucht hätte, um Fans glücklich zu machen.

Mein Lieblings-Filmkritiker Mark Kernode dagegen, der absolut keine Beziehung zum Spiel hat, erklärt sich in seinem Review überrascht, wie unterhaltsam er den Warcraft-Film fand. Und findet folgende Worte:

What I liked was, it seemed to give everybody and everyone and everything a pretty fair crack of the whip in terms of the design, (…) there’s a touch of Mad Max Fury Road in the design.

I found myself actually being emotionally engaged in it, because what the story has is, a recurrent theme of parents and children, of male and female being equally powerful, a film in which parent-child-strifes are equally balanced across the opposing armies. A film in which on both sides of the divide we actually get something approaching proper character developing.

Und hier was fürs Phrasenschwein: Über Geschmack kann man streiten. Dafür sind Kommentarspalten schließlich erfunden worden 😉

Von Orks & Menschen: der Warcraft-Film
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2 Gedanken zu „Von Orks & Menschen: der Warcraft-Film

  • Juni 20, 2016 um 6:02 pm
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    Danke für diesen Beitrag und den Link auf Mark Kernode. Was da bei CB steht, fand ich, abgesehen von der Geschmacksfrage, ziemlich kindisch. Anspielungen auf Farmquests, srsly? Klar, Blizzard investiert Millionen um sich selbst zu parodieren.
    Und wo sich der Film selbst zu ernst nehmen soll, ist mir überhaupt nicht klar. Mir schien, jeder zweite Dialog war zumindest mit einem Augenzwinkern gespielt und spätestens im Verlies habe ich laut gelacht.

    Mir ging es mit dem Film tasächlich fast genau wie Kernode: ich bin weit besser unterhalten worden als erwartet. Mit der Warcraft-Lore und den Erzählungen von Blizz hatte ich schon vor Jahren abgeschlossen, das wurde mir alles zu platt. „Epic“, „badass“, Dumpfbacken-Bombast.
    Vom Film habe ich genau das erwartet, vielleicht um 100 hochgedreht weil Big Screen und Big Budget.

    Und dann saß‘ ich da und habe mich amüsiert, an Gewalt ergötzt und sogar ein bisschen Tränchen verdrückt … schön.
    Jetzt hab‘ ich Bock auf Legion. Well played, Blizzard, well played indeed

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    • Juni 22, 2016 um 8:36 am
      Permalink

      Vielleicht fehlt da manchmal auch ein bisschen Distanz. Natürlich kann man sich nicht völlig von der Spielerfahrung freimachen, aber man muss den Film schon auch für sich betrachten. Und er funktioniert als Film, würde ich sagen.

Und jetzt ihr!